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Gamiani - Zwei Nächte

Neuester Eintrag – Dienstag 12. Juni 2007.

Autor:

Vorwort zu seiner Übersetzung der Gamiani

Ich halte Alfred de Musset für den Verfasser von Gamiani. Ich bin fest überzeugt, daß nur Musset dieses Buch geschrieben haben kann. Diese Erklärung muß ich meiner Arbeit vorausschicken, denn ohne solche Überzeugung würde ich das Werk nicht übersetzt haben.

Positiv beweisen läßt sich allerdings Mussets Verfasserschaft nicht; es fehlt das Letzte und Entscheidende: sein eigenes Eingeständnis, daß er das Buch geschrieben habe. Andererseits haben aber auch die Gegner der im Publikum allgemein verbreiteten Annahme für ihren Standpunkt keinen einzigen auch nur halbwegs stichhaltigen Beweis anzuführen vermocht.

Für die Autorschaft Mussets ist besonders Brunet eingetreten; von den Gegnern ist der bedeutendste Alcide Bonneau. Als Autoritäten auf dem Gebiete der Bibliographie stehen beide gleichwertig da. Auf die von ihnen vorgebrachten Einzelheiten, besonders bibliographischer Art, gehe ich nicht näher ein, da ich meine Überzeugung auf einem ganz anderen Wege gewonnen habe. Dagegen muß ich einige der von den Gegnern, speziell von Bonneau, vorgebrachten Gründe einer näheren Betrachtung unterziehen.

Nach der Legende entstand das Buch – das auf alle Fälle als ein Hauptwerk der erotischen Literatur Frankreichs zu bezeichnen ist – kurz nach der Revolution von 1830 infolge einer Art Wette: In einem Kreise stark vom Champagner angeregter junger Leute, »die später fast alle als Schriftsteller, Ärzte oder Anwälte berühmt geworden sind«, erbietet sich »ein junger Dichter«, binnen drei Tagen ein erotisches Werk zu schreiben, das die höchste sinnliche Leidenschaft zum Ausdruck bringen solle, ohne durch rohe oder schmutzige Ausdrücke ästhetische Gemüter zu verletzen. Der Vorschlag wird mit Jubel aufgenommen, und drei Tage später ist Gamiani fertig und wird der erwähnten Gesellschaft vorgelegt. Das Werk wird zunächst handschriftlich vervielfältigt, dann soll es hektographiert worden sein; schließlich gelangt es durch eine Indiskretion in die Hände eines Brüsseler Verlegers, der es in Quartformat, unter Beigabe von kolorierten Illustrationen, erscheinen läßt. Dies geschah im Jahre 1833 . Zwei Jahre darauf erschien der erste der sehr zahlreichen Nachdrucke unter dem Titel Gamiani ou deux nuits d’excès par Alcide, Baron de M******,. A Venise chez tous les marchands de nouveautés. Im Publikum schloß man von Anfang an aus dem Pseudonym, Alcide de M., daß Alfred de Musset der Verfasser sein müsse, und diese Annahme wurde dadurch bestärkt, daß Musset niemals dagegen protestiert hat. Bonneau meint nun, Musset habe das gar nicht nötig gehabt, da kein einziger Kenner seiner Werke ihn auch nur einen Augenblick für den Verfasser gehalten habe und habe halten können. Mir scheint, Bonneau geht hier viel zu weit; im Gegenteil, Musset würde doch wohl einmal im Laufe des Vierteljahrhunderts, das vom Erscheinen des Gamiani-Buches bis zu seinem Tode verstrich, eine Gelegenheit benutzt haben, seine Vaterschaft zu einem so unartigen Kinde in aller Form abzuleugnen. An solchen Gelegenheiten hat es ihm sicherlich nicht gefehlt. (Übrigens würde selbst eine solche Ableugnung nichts gegen seine Verfasserschaft bewiesen haben. Voltaire z. B. hat niemals zugegeben, daß er die Pucelle geschrieben hat; im Gegenteil, er hat es stets bestritten.) Daß Musset gegen die Meinung des Publikums, die ihn mit aller Bestimmtheit als Verfasser bezeichnete, niemals Einspruch erhoben hat, scheint mir ein sehr wichtiges Indicium zu sein. Denn es handelte sich keineswegs bloß um vage Gerüchte, und es kommt noch hinzu, daß das Buch nicht auf die Kreise von Bibliophilen beschränkt blieb. Es war vielmehr schon bei Lebzeiten Mussets in Zehntausenden von Exemplaren und in Dutzenden von Ausgaben verbreitet, die leider fast ausnahmslos sehr schlecht sind und nur zu deutlich den Stempel einer ekelhaften Bestimmung tragen. Es ist, nebenbei bemerkt, sehr schade, daß dieses Schicksal einer Dichtung vom Werte Gamianis widerfuhr. Bonneau behauptet ferner, das dem Werke vorangestellte Gedicht sei so schlecht, daß es unmöglich von Musset sein könne.

Ich setze dies Gedicht hierher, damit der Leser selber urteilen kann.

Chantez, chantez encor, rêveurs mélancoliques,
Vos doucereux amours et vos beautés mystiques
Qui baissent les doux yeux.
Des paroles du cœur vantez-nous la puissance,
Et la virginité des robes d’innocence.
Et les premiers aveux.
 
Ce qu’il me faut à moi, c’est la brutale orgie,
La brune courtisane à la lèvre rougie
Qui se pâme et se tord;
Qui s’élance à vos bras, dans sa fougueuse ivresse,
Qui laisse ses cheveux se dérouler en tresse,
Vous étreint et vous mord!
 
C’est une femme ardente autant qu’une Espagnole,
Dont les transports d’amour rendent la tête folle
Et font craquer le lit;
C’est une passion forte comme une fièvre,
Une lèvre de feu qui s’attache à ma lèvre
Pendant toute une nuit!
 
C’est une cuisse blanche à la mienne enlacée,
Une lèvre de feu d’où jaillit l a pensée!
Ce sont surtout deux seins,
Fruits d’amour arrondis par une main divine,
Qui tous deux à la fois vibrent sur la poitrine,
Qu’on prend à pleines mains!
 
Eh bien! venez encor me vanter vos pucelles
Avec leurs regards froids, avec leurs tailles frêles,
Frêles comme un roseau:
Qui n’osent d’un seul doigt vous toucher, ni rien dire,
Qui n’osent regarder et craignent de sourire,
Ne boivent que de l’eau!
 
Non! vous ne valez pas, ô tendres jeunes filles
Au teint frais et si pur caché sous la mantille,
Et dans le blanc satin
Vous femmes du grand ton – en tout tant que vous êtes,
Non! vous ne valez pas, ô mes femmes honnêtes,
Un amour de CATIN!

Ich bin der Meinung, daß dies Gedicht, obwohl die beiden letzten Strophen nicht viel taugen, keineswegs schlecht, sondern im Gegenteil gut ist. Aber selbst wenn es ganz schlecht wäre – was würde das beweisen?

Könnte es nicht trotzdem von Musset sein? Man zeige mir doch mal den Dichter, der niemals ein schlechtes Gedicht geschrieben hat! Mit den schlechten Gedichten Goethes könnte man einen sehr stattlichen Band anfüllen – vielleicht sogar zwei.

Endlich behauptet Bonneau – und dieser Einwurf ist allerdings sehr ernst zu nehmen – Gamiani könne nicht von Musset sein, weil es in einem erbärmlichen Französisch, weil es nicht in Mussetschem Französisch geschrieben sei.

Nun, auch Bonneau ist nicht unfehlbar, und so sehr ich sein Urteil und seine reichen Kenntnisse gelten lasse, in ästhetischen Dingen ist er mir ganz und gar nicht maßgebend. Sehr viele Leute von feinem Geschmack haben schon vor mir gefunden, daß Gamiani im Gegenteil in einem ausgezeichneten Französisch geschrieben sei – was natürlich gar nicht ausschließt, daß in dem Werke eines zwanzigjährigen Jünglings sich Ungleichwertiges findet, daß zuweilen die von heißester Leidenschaft durchpulste Sprache ganz plötzlich in merkwürdig banale Phrasen umschlägt. Gerade auf die Sprache dieses Buches gründet sich meine feste Überzeugung, daß Musset und nur Musset es geschrieben hat. Ich selber bin noch vor etwa zwei Jahren der Meinung gewesen, daß Gamianinicht von Musset sei. Dann aber wurde die Übersetzung von Mussets Confession d’un enfant du siècle, die ich im Frühjahr 1903 schrieb, für mich Veranlassung, mich aufs innigste mit Stil, Sprache und Ausdrucksweise des jungen Musset zu beschäftigen. Und dabei fiel es mir auf, daß der Stil Gamianis und der Stil der Confession sich in ganz erstaunlicher Weise ähneln. Ich verglich nunmehr beide Werke ganz genau und meine Vermutung, daß Musset wohl Gamiani geschrieben haben könne, wurde zur Überzeugung, daß er es geschrieben haben müsse. Es sei denn, daß er durch den Stil des Gamiani-Buches in einer Weise beeinflußt wäre, daß er die Confession in demselben Stil geschrieben hätte. Mit dieser Hypothese brauche ich mich nicht ernstlich zu beschäftigen.

Ich bin, Gott sei Dank, kein Philologe von Fach und gedenke daher keineswegs den Leser mit der Anführung philologischer Gründe zu behelligen – obwohl es mir auch an solchen nicht fehlt. Die Übereinstimmung des Stils tritt naturgemäß am meisten hervor in der Jugendgeschichte Alcides, in der Schilderung seiner erotischen Phantasien und Delirien. Das ist echt Mussetscher Stil. Ich bitte den Leser, sich selber ein Urteil zu bilden und zu diesem Zweck die Confession zu lesen, falls er sie noch nicht kennt. Er wird darin eins der wundervollsten Bücher der Weltliteratur kennenlernen. Es ist der französische Werther.

Ich habe mit Gamiani eine geplante kleine Serie: Venus occidentalis, die ein Gegenstück zu meiner Venus orientalis bilden soll, eröffnet, weil es mir besonders charakteristisch für die französische Erotik erscheint. Daß der Verfasser die ältere erotische Literatur und namentlich die Aloisia Sigaea des Meursius-Chorier gekannt und benutzt hat, ist auf den ersten Blick erkennbar – übrigens auch ganz selbstverständlich.

Heinrich Conrad, Januar 1905.


  • Alcide Baron de M***

    Gamiani - Die erste Nacht

    Gamiani oder Zwei Nächte der Ausschweifung

    par Alfred de Musset

    »Mitternacht war schon vorüber; aber die Säle der Gräfin Gamiani strahlten noch in hellem Lichterglanz.
    Von den Klängen einer berauschenden Musik erregt, gaben sich die Gäste der Lust des Tanzes hin. Von Geschmeide und Edelsteinen funkelten die prachtvollen Toiletten der Damen. Anmutig und liebenswürdig stand die Gräfin als Königin des Balles in der Mitte ihrer Gäste; man sah ihr den Triumph über das Gelingen ihres mit verschwenderischer Pracht veranstalteten Festes an, von dem schon wochenlang vorher ganz Paris gesprochen hatte. Mit freundlichem Lächeln hörte sie allen den schmeichelnden Komplimenten zu, womit die Anwesenden ihr den Zoll für die Einladung entrichteten.« (Alfred de Musset, Gamiani oder Zwei Nächte der Ausschweifung).


  • Alcide Baron de M***

    Gamiani - Die zweite Nacht

    Gamiani oder Zwei Nächte der Ausschweifung

    par Alfred de Musset

    »Fanny war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannys Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannys Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennengelernt hatte. Sie hatte mir geschworen, Gamiani niemals wiedersehen zu wollen; aber ihr Eid vermochte nicht den Wunsch zu ersticken, den sie im Geheimen hegte. Vergebens kämpfte sie dagegen an; der innere Kampf regte sie nur immer mehr auf. Bald sah ich ein, daß sie ihrer Leidenschaft nicht würde widerstehen können. Ich hatte ihr Vertrauen verloren und war gezwungen, mich zu verstecken, um sie zu beobachten.« (Alfred de Musset, Gamiani oder Zwei Nächte der Ausschweifung).




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