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Anandria

Mademoiselle Sappho - 1

Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho (Erstes Kapitel)


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Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho
Erstes Kapitel

Es hatte, Mylord, in der Weihnachtsnacht ein wenig gefroren; dadurch hatten wir einen schönen Tag bekommen. Am Morgen war das Wetter ruhig, der Himmel heiter, die Sonne durchwärmte die Luft. Gegen Mittag war eine große Menschenmenge in den Tuilerien zusammengeströmt und bewegte sich auf der Terrasse des Feuillants, dem gewöhnlichen Spaziergang zu dieser Jahreszeit, wo auch der Graf d’Aranda regelmäßig mindestens einmal täglich frische Luft schöpft. Ich hatte den hohen Herrn dort getroffen und plauderte mit ihm, als wir plötzlich am unteren Ende der Terrasse einen Auflauf bemerkten. Von allen Seiten eilten die Schweizer und Parkwächter herbei, und eine große Menschenmenge strömte ihnen nach. Wir traten näher und erkannten deutlich die »kleine Gräfin«. Sie werden sich erinnern, daß man bei Hofe, wo man alles im milden Lichte sieht, mit diesem Namen Frau Gourdan bezeichnet, jene berühmte Kupplerin, von der ich Sie bereits mehrere Male unterhalten habe. In ihrer Gesellschaft befand sich eine sehr gut gekleidete, sehr hübsche und sehr junge Nymphe – in Wirklichkeit noch ein Kind. Die Kleider dieser letzteren befanden sich in einer gewissen Unordnung, und sie weinte bitterlich; die andere zeterte und fluchte mit zornrotem Gesicht und tobte wie eine Megäre. Bei ihnen befand sich ein alter Mann, dessen edle Gesichtszüge einen Ausdruck des Schmerzes und des Schreckens trugen; er war wie ein Landmann gekleidet. Bald verbreitete sich das Gerücht, der Landmann habe seine Tochter gesucht, die seit einiger Zeit aus ihrem Dorf verschwunden sei, und habe sie trotz der eleganten Kleidung, in der er sie früher niemals gesehen, wiederzuerkennen geglaubt; er sei auf sie zugegangen, habe sie mit harten Worten angeredet und sich ihrer bemächtigen wollen, um sie wieder nach Hause zu nehmen. Dieser Absicht habe sich jedoch einerseits die Frau Äbtissin Gourdan und andererseits noch mehr das Mädchen selber widersetzt. Diese habe sich gestellt, wie wenn sie gar nicht wüßte, wer er sei, wovon er rede und was er von ihr verlange. Der Bauer sei in Wut geraten, daß sein eigenes Fleisch und Blut ihn verleugne, und habe dem Mädchen ein paar Ohrfeigen gegeben.

Hierdurch war der ganze Auflauf veranlaßt worden. Man führte sie ins Schloß, um die Befehle des Herrn Gouverneurs oder des wachthabenden Offiziers einzuholen.

Der spanische Grande ist ein Liebhaber kurioser Geschichten, und wie Sie wissen, gebe ich ihm hierin nichts nach. Wir nahmen Anteil an dem Schicksal des jungen Mädchens und bemühten uns eifrig zu erfahren, was man über sie beschließen würde. In diesem Augenblick sah ich den Generalleutnant der Profossen des Königlichen Schlosses, Herrn Clos, die Promenade verlassen und sich eilig nach dem Palast begeben; ich bezweifelte nicht, daß er in dieser Angelegenheit dienstlich zu tun haben würde. Der Zufall wollte, daß ich gerade an diesem Tage bei dem Marquis de Villette, in dessen Hause er wohnt, mit ihm zusammen speisen sollte. Ich wünschte mir Glück dazu und versprach dem Grafen, ihn am nächsten Tage auf der Terrasse, wo wir uns wieder treffen wollten, über das ganze Abenteuer gründlich zu unterrichten.

Ich hatte richtig geraten: Als wir ankamen, bestätigte Herr Clos uns die Wahrheit des im Publikum verbreiteten Gerüchtes. Er sagte uns: Er zweifle durchaus nicht daran, daß das junge Mädchen die Tochter des Bauern sei; aber die Züchtigung, die der unglückliche Vater ihr verabfolgt habe, sei schon an und für sich ein schweres Vergehen, noch mehr aber in Anbetracht des Umstandes, daß er es im Königlichen Garten begangen habe. So gerecht im Grunde der Anspruch des Landmannes sei, habe dieser doch ins Gefängnis geschickt werden müssen, während man die beiden Frauen frei gelassen habe; diese hätten jedoch Befehl erhalten, sich um fünf Uhr in seiner Amtswohnung zum Verhör einzufinden. Sie können sich denken, wie neugierig alle Gäste waren, das Ergebnis dieses Verhörs zu erfahren; Herr Clos machte uns Hoffnung, er werde unsern Wunsch befriedigen können; auf alle Fälle werde er wiederkommen, um uns Bescheid zu sagen. Wir warteten auf ihn, und gegen neun Uhr kam er wirklich und sagte uns, die Geschichte habe mit einer Versöhnung geendet, die er auf der Stelle zustande gebracht habe; es sei jedoch zu diesem Zwecke viel Hinundherlaufen notwendig gewesen, und dadurch sei er so lange aufgehalten worden. Nach seiner Erzählung war das Mädchen wirklich die Tochter jenes Bauern; aber sie hatte einen solchen Hang zum leichtfertigen Leben, daß es ihr nicht mehr möglich war, es in ihrem Dorfe und im Elternhaus auszuhalten. Außerdem aber war sie schwanger, und da sie sich bereits in einem vorgerückten Stadium befand, hätte ihr Aufenthalt unter dem Strohdache eines Bauernhauses ein zu ärgerliches Schauspiel geboten. Außerdem habe sie sich unter den Schutz der Königlichen Musikakademie gestellt, indem sie sich als überzählige Schülerin bei der Oper einschreiben ließ; infolgedessen hätten ihr Vater und ihre Mutter kein Anrecht mehr auf sie. Der alte Bauer war ein vernünftiger Mann; er hatte sich daher schließlich den Gründen der Vernunft gefügt und einer Autorität entsagt, die er nur zum Unglück seiner Tochter und folglich auch zu seinem eigenen hätte ausüben können. Um ihm eine Entschädigung zu verschaffen, hatte Herr Clos verlangt, daß Frau Gourdan ihm eine Summe von fünfundzwanzig Louis als Ersatz seiner Reisekosten gebe; aber der Bauer hatte diese mit Entsetzen zurückgewiesen und erklärt, er wolle nichts haben, denn die Schande lasse sich mit Geld nicht zudecken; es bleibe ihm nichts anderes übrig, als zu vergessen, daß er jemals eine Tochter besessen habe.

Man bewunderte den starken Charakter des Bauern, den Edelmut seiner Weigerung; man stellte Betrachtungen an über seinen Unstern, der ihn veranlaßt habe, sein Haus zu verlassen, um den Spuren seiner Tochter zu folgen, den Unstern, der ihn sie habe finden lassen, ohne sie doch mit nach Hause nehmen und ihr liederliches Betragen bändigen zu können, und der ihn schließlich zum Lohn für alle überstandene Sorge und Not nur ins Gefängnis gebracht habe. Diese philosophischen Betrachtungen wichen jedoch bald der lebhaftesten und natürlichsten Teilnahme für das junge Mädchen. Die Neugier der Gäste wuchs, und Herr Clos wurde von ihnen mit stürmischen Fragen bedrängt. Schließlich lächelte er und sagte: »Meine Herren, ich habe eine angenehme Überraschung, auf die Sie gewiß nicht gerechnet haben, für Sie in Bereitschaft gehalten: Ich habe Frau Gourdan fortgeschickt, um ihren Geschäften nachzugehen, und habe Fräulein Sappho – so heißt die kleine Nymphe – bei mir behalten; wenn Sie mir folgen und mit mir nach oben kommen wollen, können Sie mit ihr soupieren.«

Wir fanden bei Herrn Clos das reizendste Geschöpf, das man sich denken kann; ihre Schwangerschaft war nicht zu bemerken, und auf ihren Gesichtszügen lag die ganze Unschuld eines Kindes. Sie war noch erregt von dem Auftritt, der am Vormittag stattgefunden hatte; Tränen standen ihr in den Augen, denn in ihrem zarten Alter konnte sie noch nicht alle Liebe zu ihrem Vater verloren haben, den sie so grausam gekränkt hatte. Komplimente, Schmeicheleien und Liebkosungen verscheuchten jedoch schnell diese Traurigkeit, und sie gewann ihre heitere Stimmung wieder. Wir alle nahmen im Kreise um das Kaminfeuer Platz, sie setzte sich in die Mitte, und nun begann sie ihre Geschichte zu erzählen.

Ich stamme aus dem Dorfe Villiers-le-Bel; mein Vater ist dort Landmann und verdient durch seine und seiner Frau und Kinder Arbeit einen ziemlich guten Lebensunterhalt. Mir aber sind die landwirtschaftlichen Arbeiten stets zuwider gewesen; während die andern auf dem Felde waren, ließ man mich daheim, um den Haushalt zu besorgen; ich besorgte ihn oft sehr schlecht und wurde dafür ausgezankt und geschlagen. Ich bin von Natur kokett; schon als ich ein kleines Kind war, machte es mir das größte Vergnügen, mich in einem Bach oder in einem Eimer Wasser zu spiegeln. Wenn ich zum Herrn Pfarrer ging, konnte ich mich gar nicht vom Spiegel trennen. Ich war denn auch sehr sauber: Oft wusch ich mir das Gesicht, reinigte mir die Hände, ordnete meine Haare und putzte meine Haube heraus, so gut ich nur konnte. Ich war entzückt, wenn ich in meiner Nähe jemanden sagen hörte: »Sie ist hübsch, sie wird einmal bezaubernd sein.«

Die ganze Woche seufzte ich nach den Sonntagen; denn an diesem Tage gab man mir ein weißes Hemd, ein braunes Mieder, das meine schlanke Figur vorteilhaft zeigte und meine weiße Haut hervorhob; außerdem bekam ich neue Schuhe und eine schmale Spitze an meine Leinwandhaube. Wenn ich das goldene Kreuz meiner Mutter, ihren Ring und ihre silbernen Schuhschnallen anlegen durfte, war ich vor Freude außer mir. Außerdem brauchte ich sonntags gar nichts zu tun: Ich hatte nur spazieren zu gehen, im Dorfe herumzulaufen und zu tanzen.

So war ich fünfzehn Jahre alt geworden. Ich war ein großes Mädchen, und mit den Jahren hatten alle meine Fehler zugenommen. Bald traten zu diesen noch neue hinzu: Ich wurde außerordentlich wollüstig. Ich wußte nicht, warum, ich wußte nicht, was ich tat, noch was ich wollte – aber genug, ich zog mich nackt aus, sowie ich allein war; wohlgefällig betrachtete ich mich, betastete alle Teile meines Körpers, liebkoste meinen Busen, meine Schenkel, meinen Leib. Ich spielte mit den schwarzen Härchen, die bereits das Heiligtum der Liebe umschatteten, ich kitzelte leise dessen Eingang, aber ich wagte nicht tiefer einzudringen: Es schien mir so eng, so klein zu sein, daß ich mich zu verletzen fürchtete. Indessen, ich fühlte an diesem Teil ein verzehrendes Feuer; mit Entzücken rieb ich mich an harten Gegenständen oder an meiner kleinen Schwester, die bei mir zu Hause blieb, weil sie noch zu jung zur Feldarbeit war. Eines Tages kam meine Mutter früher als gewöhnlich vom Felde zurück und überraschte mich bei einer solchen Übung; sie wurde wütend und schimpfte mich, wie wenn ich die niedrigste Dirne gewesen wäre; sie sagte mir, ich sei ein verworfenes Geschöpf, es werde niemals etwas aus mir werden; sie nannte mich eine schamlose Vettel, die die Familie entehren werde, eine Prostituierte, die man in das Kloster der Frau Gourdan schicken müsse. Diese Schimpfworte, deren Sinn ich nicht verstand, erschienen mir nur deshalb beleidigend, weil sie von Flüchen und von so heftigen Schlägen begleitet waren, daß ich den Entschluß faßte, das elterliche Haus zu verlassen und die Flucht zu ergreifen.

Frau Gourdan hatte nämlich damals ein Landhaus in Villiers-le-Bel, wohin sie selber allerdings nur selten kam; aber sie schickte ihre kranken Mädchen dorthin, besonders auch diejenigen, die im geheimen wiederkommen sollten, und diejenigen, die sie den Augen der Welt entziehen wollte. Übrigens war es ein Haus, das vorzüglich für alle geheimen Zwecke ihres Gewerbes eingerichtet war: Es lag abseits von der Straße, rings von Wäldern umgeben, und war schwer zugänglich; an der Eingangstür konnte man sich nur durch ein kleines Gitter verständigen. Da alle diese Äußerlichkeiten so ziemlich denen eines Klosters entsprachen, bestärkten sie mich, die ich von den Vorgängen in diesem Hause keine Ahnung hatte, in dem Glauben, daß die Bezeichnung als Kloster, die natürlich nur ein Witz der Bevölkerung war, vollkommen der Wirklichkeit entspreche. Zudem kannte ich auch wirkliche Klöster nur vom Hörensagen und sah in ihnen nichts weiter als Gefängnisse, die mir Abscheu erregten. Mit dem Kloster der Frau Gourdan war dies jedoch nicht der Fall: Ich sah seine Novizen in schönen Kleidern umhergehen; sie lachten, sangen, tanzten und hatten den ganzen Tag nichts zu tun. Sie besuchten oft unser Dorf, wo sie Milch oder Obst kauften und sehr teuer bezahlten; sie waren deshalb allgemein beliebt. Ich beschloß, dem Rate meiner Mutter zu folgen und mir dieses Kloster einmal anzusehen. Ich verbarg jedoch meine Absicht und bemühte mich sogar, mich im Hause recht nützlich zu machen. In Wirklichkeit jedoch wartete ich nur auf den Tag, wo ich erfahren würde, daß Frau Gourdan in ihrem Hause sei.

Einige Zeit nach diesem Auftritt mit meiner Mutter hatte Frau Gourdan Geschäfte in unserer Gegend; am nächsten Morgen eilte ich zu ihr und teilte ihr meine Absicht mit. Wie sie mir später versichert hat, hatte sie schon seit mehreren Monaten ein Auge auf mich geworfen. Sie empfing mich voller Freuden, liebkoste mich, gab mir Zuckerplätzchen und sagte mir, ich käme ihr sehr gelegen, denn ich hätte ein Gesicht, womit ich unbedingt mein Glück machen müsse; sie könne mich jedoch nicht ohne die Einwilligung meiner Eltern aufnehmen. Ich brach in Tränen aus und setzte ihr auseinander, daß ich es niemals wagen würde, mit ihnen darüber zu sprechen. Als sie merkte, daß sie meiner Verschwiegenheit sicher sein könne, sagte sie endlich zu mir: »Nun, Sie haben ja ganz recht; sagen Sie ihnen kein Wort. Ich reise morgen früh um elf Uhr ab, gehen Sie mir voraus und erwarten Sie mich, scheinbar ganz zufällig, auf der Landstraße. Ich werde Sie in meinen Wagen nehmen und nach Paris bringen. Gepäck brauchen Sie nicht, denn es wird Ihnen bei mir an nichts fehlen.«

Ich dankte ihr, umarmte sie voller Freuden und machte alles genau so, wie sie es mir vorgeschrieben hatte. Sie hatte ihrerseits die nötigen Sicherheitsmaßregeln getroffen [1], indem sie ihren eigenen Wagen leer zurückgeschickt hatte; sie hatte dafür die Kutsche eines ehrwürdigen Prälaten geliehen, der sich, um Ärgernis zu vermeiden, an diesen abgelegenen Ort begeben hatte. In dieser Kutsche war ich mit ihr allein nach Paris gefahren. Dort setzte sie mich im Faubourg Saint-Laurent in der Wohnung eines ihr befreundeten Garde-du-Corps ab, der damals in Versailles war; sie selber nahm dann einen Mietwagen und fuhr nach Hause, so daß sich keine Spur meiner Entführung nachweisen ließ. Alle Nachforschungen nach mir blieben denn auch erfolglos; obwohl mein Vater mich mit dem größten Eifer verfolgte, konnte er nichts entdecken, und nur der Zufall verschaffte ihm später den Erfolg, den er trotz der mächtigsten Unterstützungen und trotz des größten Eifers der Polizei nicht hatte erreichen können. Diese Verfolgungen versetzten jedoch meine Verführerin in solche Angst, daß sie mehrere Tage lang nicht wagte, mich in ihr Haus kommen zu lassen oder mir auch nur eine Mitteilung zu schicken. Endlich aber kam sie eines Abends.

Während dieser Zeit war ich unter der Obhut der Haushälterin des Offiziers geblieben. Diese würdige alte Dame hatte mich aufs beste verpflegt; ich mußte mit ihr zusammen essen und bei ihr im Bett schlafen. Offenbar hatte sie mich während meines Schlummers sehr genau untersucht; denn als Frau Gourdan erschien, hörte ich sie ihr ins Ohr sagen: »Sie haben da in diesem Kinde ein wahres Peru gefunden, sie ist, auf meine Ehre, noch Jungfrau, vielleicht sogar überhaupt ganz unberührt; aber sie hat eine teufelsmäßige Klitoris; sie wird besser für die Weiber [2] als für die Männer passen. Unsere Tribaden werden Ihnen sicherlich diese neue Erwerbung mit Gold aufwiegen.« Frau Gourdan überzeugte sich von der Richtigkeit dieser Bemerkung und schrieb sofort an Frau de Furiel, die Sie alle ohne Zweifel wenigstens ihrem Rufe nach kennen, und setzte sie von ihrer Entdeckung in Kenntnis. [3]

Diese ließ mich sofort holen und nach ihrem Lusthäuschen bringen. Die Kammerfrau, die mich in geheimnisvoller Weise mit einem Wägelchen abgeholt hatte, ließ mich zunächst in eine Art von Hütte eintreten, so daß ich wieder in meinem Dorfe zu sein glaubte; hierauf gingen wir über einen Hof, wo ich Ställe, Wagenremisen, eine Meierei, Hühner, Truthennen, Tauben und dergleichen sah. Dieses bestärkte mich in meinem Glauben, aber ich wurde von meiner Enttäuschung befreit, als eine kleine Tür sich öffnete: Da sah ich einen prachtvollen Garten von eirunder Form, der von sehr hohen Pappelbäumen umgeben und dadurch den Blicken aller Nachbarn entzogen war. In der Mitte stand ein ovaler Pavillon, der von einer riesigen Bildsäule überragt wurde, die, wie ich später erfuhr, die Göttin Vesta darstellte.

Man gelangte in diesen Pavillon über eine Treppe von neun Stufen, die ihn von allen Seiten umgab. Ich trat zunächst in eine Vorhalle, die von vier Fackeln erleuchtet war; an zwei von den Wänden befanden sich zwei Bassins, die ihr Wasser aus den Brüsten zweier Najaden erhielten. Links war ein Billardsaal, rechts ein Badekabinett, in das man mich hineingehen hieß. Man sagte mir, ich könne die Gebieterin des Ortes erst sehen, nachdem die nötigen Vorbereitungen mit mir vorgenommen wären, um in ihrer Gegenwart zu erscheinen. Zunächst badete man mich; hierauf nahm man mir Maß für die ersten Kleider, die ich erhalten sollte. Während des Abendessens unterhielt meine Begleiterin mich ausschließlich von der Dame, der ich angehören würde; sie schilderte mir ihre Reize, ihre Anmut, ihre Güte und schwärmte von dem Glück, das ich bei ihr finden würde; dafür müßte ich ihr aber auch unbedingt ergeben sein. Ich war so erstaunt und von den neuen Eindrücken, die von allen Seiten auf mich einstürmten, so betäubt, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte.

Am nächsten Tage brachte man mich zum Zahnarzt der Frau de Furiel; dieser untersuchte meinen Mund, brachte meine Zähne in Ordnung, reinigte sie und gab mir ein Mundwasser, um den Atem süß und lieblich zu machen. Als ich zurückgekehrt war, brachte man mich abermals in das Bad; man trocknete mich leicht ab und beschnitt mir die Fuß- und Fingernägel, beseitigte Hühneraugen und harte Haut. Hierauf kämmte man mir mein bereits damals prachtvolles Vlies, damit nicht bei den Umarmungen etwaige verfilzte Locken ein schmerzhaftes Kratzen verursachen könnten, wie jene Rosenblätter, worüber einst die Sybariten sich beklagten. Zwei junge Töchter der Gärtnerin, die mit diesem Dienst vertraut waren, säuberten mir alle Leibesöffnungen: Ohren, Anus, Vulva; sie massierten mir alle Gelenke, um sie geschmeidig zu machen. Nachdem auf diese Weise mein Leib behandelt worden war, wurden ganze Ströme von Essenzen darüber gegossen; hierauf wurde Toilette gemacht. Man setzte mir eine sehr weiche Perücke auf, deren Locken in Wellenlinien über meine Schultern und meinen Busen flossen, man steckte mir einige Blumen in das Haar. Dann zog man mir ein Hemd über, wie es die Tribaden tragen, das heißt vorne und hinten vom Gürtel abwärts offen; die Schlitze sind jedoch mit Bändern verschlossen. Mein Busen wurde in ein leichtes Mieder eingespannt. Zum Schluß warf man mir ein mit Spitzen besetztes Morgenkleid aus leichtem rosenfarbigen Atlas über, worin ich bildschön aussah. Wie ich Ihnen meinen Charakter geschildert habe, werden Sie sich meine Freude vorstellen können und mein Entzücken, als ich mich in solchem Putz sah. Ich war dreimal so schön als vorher und erkannte mich selber nicht wieder. Nie in meinem Leben hatte ich solches Vergnügen empfunden; von dem Vergnügen, das Frau de Furiel mir verschaffen würde, hatte ich noch keine Ahnung. Obgleich ich nur leicht bekleidet war, spürte ich nichts von der Kälte, die wir im März noch hatten. Ich glaubte mich im Frühjahr zu befinden; ich schwamm gleichsam in einer linden Luft, die durch Röhren, welche sich durch die ganze Wohnung zogen, stets in gleichmäßiger Wärme gehalten wurde.

Sobald Frau de Furiel angekommen war, wurde ich durch einen Korridor von meinem Zimmer in em Boudoir geführt, wo ich sie nachlässig auf ein breites Sofa ausgestreckt fand. Ich sah eine Frau von dreißig bis zweiunddreißig Jahren, von brauner Hautfarbe, mit geröteten Wangen, schönen Augen, sehr schwarzen Augenbrauen und einem prachtvollen Busen. Sie war ziemlich beleibt, und ihre ganze Gestalt machte den Eindruck eines Mannweibes. Als man mich ihr meldete, warf sie mir leidenschaftliche Blicke zu und rief: »Aber man hat mir ja lange nicht genug gesagt; sie ist himmlisch!«

In sanftem Ton fuhr sie fort: »Treten Sie näher, mein Kind, setzen Sie sich neben mich. Nun, wie fühlen Sie sich hier? Gefällt es Ihnen? Dieses Haus, dieser Garten, diese Möbel, diese Juwelen – alles wird Ihnen gehören; diese Frauen werden Ihre Dienerinnen sein, und ich will Ihre Mama sein. Und für dieses alles, für alle Pflege und Liebe verlange ich nichts weiter, als daß Sie mich ein bißchen lieben. Sagen Sie mir schnell: Fühlen Sie sich dazu geneigt? Geben Sie mir einen Kuß!«

Von Dankbarkeit durchdrungen, fiel ich, ohne ein Wort zu sagen, ihr um den Hals und küßte sie.

»Aber nein, kleiner Dummkopf! So macht man das nicht! Sehen Sie diese Tauben, wie sie sich verliebt schnäbeln!«

Sie zeigte nach dem Mittelpunkt der Nische, in der wir uns befanden: Hier fand sich in der Tat, von einem Blumenkranz aus Stuck umgeben, ein wollüstiges Taubenpaar dargestellt, als Sinnbild der Tribadenliebe.

»Folgen wir einem so reizenden Beispiel!« Zu gleicher Zeit stieß sie mir die Zunge in den Mund. Mich durchfuhr ein unbekanntes Gefühl, das mich antrieb, es ebenso bei ihr zu machen. Bald darauf glitt ihre Hand über meinen Busen, und sie rief wieder: »Die reizenden Brüstchen! Wie hart sie sind! Wie Marmor! Man sieht wohl, daß noch kein Mann sie mit seinen ekelhaften Berührungen besudelt hat!« Zugleich kitzelte sie leise die Knospe und bat mich, das gleiche Vergnügen auch ihr zu bereiten. Hierauf löste sie mit der linken Hand die hinteren Bandschleifen meines Kleides und sagte: »Und das Popochen? Hat es schon oft Klapse bekommen? Ich will wetten, noch nicht solche, wie ich sie ihm gebe!« Gleichzeitig gab sie mir leichte Schläge auf die Schenkel in der Nähe des Mittelpunktes der Wonne und erregte dadurch meine Wollust; hierauf legte sie mich auf den Rücken, bahnte sich einen Weg nach vorne und geriet zum drittenmal in Verzückung: »Ach die prachtvolle Klitoris! Sappho hat keine schönere gehabt; du wirst meine Sappho sein!«

Und dann gerieten wir beide in eine verzückte Wut, die ich nicht beschreiben kann. Eine Stunde verstrich in Kämpfen und Genüssen, die meine Begierden erregten, ohne sie zu befriedigen. Dann klingelte Frau de Furiel schließlich; sie wollte mich für die Nacht aufsparen.

Zwei Kammerfrauen erschienen, um uns zu waschen und zu parfümieren. Hierauf nahmen wir ein köstliches Mahl ein.

Während des Essens erzählte sie mir, dieses Lusthäuschen, das ihr gehöre, sei durch den Gebrauch gewissermaßen zu einem Heiligtum geworden; man habe daraus einen Tempel der Vesta gemacht, die als die Gründerin der Anandrinischen Sekte oder der Tribaden, wie man sie gewöhnlich nennt, angesehen werde.

»Eine Tribade«, sagte sie zu mir, »ist eine Jungfrau, die niemals Umgang mit einem Manne gehabt hat und die, von der Vortrefflichkeit ihres eigenen Geschlechts überzeugt, in diesem die wahre Wollust, die reine Wollust findet, sich ihm ganz und gar weiht und auf das andere, ebenso heimtückische wie verführerische Geschlecht verzichtet. Es kann aber auch eine junge oder alte Frau sein, die ihre sogenannten Pflichten der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts bereits erfüllt hat, aber ihren Irrtum erkennt, von nun an die groben sinnlichen Liebesfreuden verabscheut, ihnen entsagt und sich nur noch damit beschäftigt, Schülerinnen ihrer Göttin zu erziehen.

Übrigens wird niemand gezwungen, unserer Gesellschaft beizutreten. Und wie bei allen, so gibt es auch bei uns eine Probezeit für die Bewerberinnen. Besonders für die Frauen sind die Proben [4], die ich Ihnen nicht erklären kann, außerordentlich mühsam, und unter zehn ist kaum eine, die nicht unterliegt. Die jungen Mädchen werden von den Müttern im intimen Verkehr geprüft; diese ziehen sie an sich heran und bürgen dann für sie. Sie scheinen mir schon würdig zu sein, in unsere Mysterien eingeführt zu werden; ich hoffe, daß heute nacht die gute Meinung, die ich schon von Ihnen habe, bestätigt wird und daß wir recht lange ein unschuldiges und wollüstiges Leben zusammen führen werden.

Es wird Ihnen an nichts fehlen; ich werde Ihnen Kleider machen lassen, Umhänge, Hüte. Ich werde Ihnen Diamanten und Schmucksachen kaufen. Sie werden hier nur eine einzige Entbehrung haben: Sie werden hier nie einen Mann sehen; die können nicht hereinkommen. Ich habe nur weibliche Dienerschaft, selbst für den Garten habe ich robuste Frauen, die alle Arbeiten verrichten und sogar Bäume fällen. Sie gehen nur mit mir aus; ich werde Ihnen die Schönheiten von Paris zeigen, Sie in meine Theaterlogen nehmen, Sie auf Bälle und Promenaden führen.

Ich will Ihre Erziehung übernehmen und Sie liebenswürdig machen; Sie werden die Einsamkeit dann weniger empfinden. Ich werde Sie lesen, schreiben, tanzen, singen lehren lassen. Für alle diese Fächer stehen mir Lehrerinnen zur Verfügung; und wenn sich bei Ihnen ein Talent für etwas Besonderes entwickelt, so werde ich dafür eine Lehrerin finden.«

So ungefähr war die Unterhaltung mit Frau de Furiel vor unserem Zubettgehen; ich unterbrach sie nur dann und wann durch Dankesworte, Umarmungen und Liebkosungen, welche sie entzückten und auf innigere Liebkosungen vorbereiteten.

Die Nacht war sehr anstrengend, aber so bezaubernd für mich, daß ich am Morgen, obgleich müde und abgespannt, noch mehr begehrte. Frau de Furiel war jedoch vorsichtig und hörte zuerst auf, da sie mich für meinen großen Empfangstag sparen wollte. Sie ließ mir eine Bouillon bringen, und ehe sie mich entließ, befahl sie, mir die größte Sorge angedeihen zu lassen.

Sie schickte mir nacheinander ihre Weißnäherin, ihre Schneiderin, ihre Modistin sowie ihre Händlerin mit Toilettenartikeln. Bald war ich mit allem versehen, was mir nötig war, um in vollem Glanz in die Gesellschaft eingeführt zu werden. So nach aller Kunst und mit jedem Luxus herausgeputzt, wurde ich von meiner Beschützerin in die Oper geführt, und von allen Seiten machten ihre Freundinnen ihr Komplimente. Von den Männern hörte ich auf dem Korridor im Vorbeigehen, wie sie sagten: »Frau de Furiel hat frisches Fleisch gefunden, es ist wirklich ganz neue Ware; wie schade, daß so etwas in so schlechte Hände fällt!« Sie sprach jedoch eifrig mit mir, damit ich diese Ausrufe nicht hören sollte, und entführte mich schnell in ihrer Equipage.

Den folgenden Tag sollte ich in die Mysterien der Anandrinischen Sekte eingeweiht werden, und in der Tat wurde ich mit allen Ehren aufgenommen. Diese eigentümliche Zeremonie hat einen derartigen Eindruck auf mich gemacht, daß sie mir bis auf die kleinsten Einzelheiten in Erinnerung geblieben ist. Jedenfalls ist sie der interessanteste Punkt meiner Geschichte.

In der Mitte des Tempels ist ein eirunder Salon, wie man ihn oft an diesen Orten findet. Er nimmt die ganze Höhe des Gebäudes ein und wird nur durch ein Oberlicht erleuchtet, welches in der Mitte des Daches angebracht ist und sich um die draußen stehende Statue erstreckt, von der ich Ihnen früher erzählt habe. Wenn die Versammlungen stattfinden, schwebt eine kleinere Statue von der Größe einer gewöhnlichen Frau, die ebenfalls die Vesta darstellt, herab. Majestätisch gleitet sie, mit den Füßen einen Globus leicht berührend, in die Mitte der Gesellschaft hernieder. In einiger Entfernung von der Decke löst man den eisernen Haken, der sie hält; dann schwebt sie frei in der Luft, ein wunderbares Schauspiel, das aber doch niemanden erschreckt. [5]

Um dieses Heiligtum der Göttin zieht sich ein enger Korridor, in welchem zwei Tribaden während der Versammlung auf und ab gehen und alle Türen und Wege beobachten. Der einzige Eingang ist in der Mitte durch eine große Flügeltür; gegenüber ist eine schwarze Marmorplatte angebracht, auf welcher Verse in goldenen Buchstaben eingraviert sind, die ich Ihnen gleich mitteilen werde. An jedem Ende des Ovals befindet sich ein kleiner Altar, der als Ofen dient und von draußen von den Wärterinnen angezündet und unterhalten wird.

Auf dem Altar zur rechten Seite steht die Büste von Sappho, der ältesten und bekanntesten Tribade, auf dem linken Altar sollte die Büste von Fräulein d’Eon stehen, dem berühmtesten Mädchen der Neuzeit, der Würdigsten, der Anandrinischen Sekte zuzugehören. Aber die Statue war noch nicht fertig, der Meißel des schönheitsfreudigen Houdon arbeitete noch an ihr. Rund herum in gleichmäßigen Entfernungen standen auf Postamenten die Büsten jener schönen griechischen Mädchen, die von Sappho als ihre Freundinnen gefeiert wurden. Man las die Namen Thelesyle, Amythone, Kydno, Pyrrhine, Andromeda, Kyrine und andere. In der Mitte erhebt sich ein Bett in Form eines Korbes, mit zwei Kopfpolstern, auf denen die Vorsitzende und ihre Schülerin ruhen. Um den Salon ziehen sich türkische Ruhebetten herum, die mit weichen Kissen versehen sind und auf welchen mit verschlungenen Beinen je eine Mutter mit ihrer Schülerin sitzt oder, wie man sie in der mystischen Sprache nennt, die Incube und die Succube. Die Wände sind mit herrlichen Bildhauerarbeiten bedeckt. Der Meißel hat an vielen Stellen mit außerordentlicher Genauigkeit die geheimen Teile der Frau so dargestellt, wie sie in dem »Gemälde der ehelichen Liebe«, in Buffons Naturgeschichte und in anderen berühmten Werken beschrieben sind.

Hier habe ich Ihnen nun die genaue Beschreibung des Heiligtums gegeben. Ich glaube nicht, daß ich etwas vergessen habe. Jetzt will ich Ihnen meine Aufnahme schildern.

Alle Tribaden hatten ihre Plätze eingenommen; sie trugen die für die Zeremonie bestimmten Kleider: die Mütter einen feuerfarbigen Talar mit blauem Gürtel, die Novizen einen weißen Talar mit rosafarbenem Gürtel, darunter die Tunika oder das Hemd und die geschlitzten Unterröcke, die sie zur Seite geschlagen hatten. Frau de Furiel und ich erhielten Bescheid, daß man zu unserem Empfang bereit sei; eine von den wachehaltenden Tribaden hat diese Meldung zu machen. Frau de Furiel trug bereits ihr Tribadenkostüm; ich dagegen war im elegantesten Anzug einer Weltdame.

Wir traten ein. Ich sah die lebhafte, duftende Flamme des heiligen Feuers aus einer goldenen Schale lodern, jeden Augenblick dem Auslöschen nahe und stets wieder durch aromatische Pulver genährt, die das mit diesem wegen der erforderlichen Aufmerksamkeit sehr mühsamen Dienst beauftragte Paar ohne Unterlaß hineinwarf. Als wir vor der Präsidentin Fräulein Raucourt standen, sagte Frau de Furiel: »Schöne Präsidentin und ihr, liebe Genossinnen, ich bringe eine Kandidatin: Sie scheint mir alle verlangten Eigenschaften zu besitzen. Sie hat niemals einen Mann gekannt; die Formen ihres Körpers sind wunderbar schön, und bei den Versuchen, die ich bei ihr anstellte, habe ich sie voll von Glut und Eifer gefunden. Ich beantrage, sie unter dem Namen Sappho in unsern Bund aufzunehmen.«

Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, zogen wir uns zurück, um die Versammlung beraten zu lassen. Schon nach wenigen Minuten meldete eine von den beiden Wächterinnen mir, ich sei durch Zuruf zur Probe zugelassen worden. Sie zog mich vollkommen nackt aus, gab mir ein Paar Pantoffeln oder absatzlose Schuhe, warf mir einen einfachen Umhang über und führte mich in diesem Aufzuge in die Versammlung zurück. Die Präsidentin und ihre Schülerin hatten inzwischen ihren Korb verlassen; auf diesen mußte ich mich ausstrecken, nachdem man mir den Umhang abgenommen hatte. Ich fand diese Lage vor so vielen Zeuginnen anfangs unerträglich und machte alle möglichen Bewegungen, um mich ihren Blicken zu entziehen. Aber diese Anordnung ist gerade deswegen getroffen worden, damit keine einzige Schönheit des Körpers der Prüfung entgehe. Übrigens sagt ja einer unserer liebenswürdigsten Dichter [6]: »Die Verlegenheit, sich nackt zu zeigen, ist der Hauptreiz der Nacktheit.«

Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen die versprochenen Verse mitteilen, auf die Sie gewiß schon ungeduldig gewartet haben. Sie enthalten eine ausführliche Aufzählung aller Reize, die eine vollkommen schöne Frau besitzen muß und deren Gesamtzahl dreißig betragen soll. Der Name des Verfassers ist nicht bekannt [7]; jedenfalls gehört er nicht dem weiblichen Geschlechte an, und noch weniger war er eine Tribade. Nur ein kalter Philosoph ist imstande, in solcher Weise die Schönheit zu analysieren. Ich habe die Verse, weil sie in ihrer Art originell sind, im Gedächtnis behalten. Sie lauten:

Ein Weib, das schön sein will, wie Helena,
Muß dreißig Reize aufzuweisen haben,
Von jeder Sorte drei: drei weiße Dinge,
Drei schwarze und drei rote; dann drei lange,
Drei kurze; dann drei dicke und drei schlanke,
Drei enge und drei weite und drei kleine.
Weiß sei die Haut, weiß sei der Zähne Schnur,
Wie blasses Gold der blonden Locken Pracht —
Schwarz aber Augen, Brauen und der Busch,
Worin der Liebe Grotte sich verbirgt;
Rot seien Lippen, Wangen und die Nägel.
Zahn, Ohr und Fuß sei kurz, doch breit die Brust,
Breit das Gesäß und breit der Brauen Abstand.
Eng sei der Mund, eng sei die Liebesgrotte,
Zugleich doch mollig weich wie auch der Bauch,
Finger und Lippen schmal und fein die Haare,
Klein seien Nase, Brüste und der Kopf.
Ein Weib, dem diese dreißig Reize gänzlich
Oder fast alle fehlen, ist nicht schön!

Nach dieser Aufzählung der weiblichen Schönheiten wird die Prüfung vorgenommen; aber da seit Helenas Zeiten niemals eine Frau alle diese dreißig Schönheiten vereinigt hat, hat man beschlossen, daß es genügen solle, wenn die Kandidatinnen mehr als die Hälfte, also mindestens sechzehn, aufzuweisen hätten. Ein Paar nach dem andern nimmt die Prüfung vor und flüstert sein Urteil der Präsidentin ins Ohr. Diese zählt die Stimmen und verkündet schließlich die Entscheidung. Alle Stimmen lauteten zu meinen Gunsten. Ich empfing von allen Mitgliedern den Ritterschlag in Gestalt eines florentinischen Kusses. Dann wurde ich wieder hinausgebracht, und man gab mir das Novizenkleid, und mit diesem bekleidet betrat ich an der Seite von Frau de Furiel von neuem den Saal. Ich warf mich der Präsidentin zu Füßen und legte in ihre Hände den Eid ab, auf den Umgang mit Männern zu verzichten und niemals von den Mysterien des Vereins etwas zu verraten. Hierauf zerlegte sie einen goldenen Ring in zwei Teile, in die Frau de Furiel und ich unsere Namen mit einer goldenen Nadel einritzten; dann fügte sie die beiden Teile wieder zusammen, zum Zeichen der Vereinigung, die zwischen meiner Lehrmeisterin und mir bestehen sollte, und steckte diesen Ring an den Ringfinger meiner linken Hand. Nach dieser Zeremonie nahmen wir unsern Platz auf dem für uns bestimmten Ruhebett ein, um die Einkleidungsrede anzuhören, die die Präsidentin nach dem Gebrauch an mich richtete. Ich übergehe diese Rede, die an dieser Stelle zu lang sein würde; denn ich besitze eine Abschrift davon, die ich demjenigen mitteilen kann, der etwa dieses Musterstück einer einzigartigen Beredsamkeit kennenlernen möchte. Nachdem die Rede gehalten war, schwebte das Bild der Göttin wieder empor und verschwand. Die wachehaltenden Tribaden und die Turiferen [8] wurden abgelöst; man ließ das Feuer erlöschen und begab sich in die Vorhalle zum Festmahle. Auch in dieser Vorhalle hatten jedoch Profane keinen Zutritt; daher wurden die Tafelgeräte, die Schüsseln, die Weine usw. durch Drehtüren hereingereicht; die Novizen nahmen sie in Empfang und bedienten. Zum Nachtisch wurden die köstlichsten Weine getrunken, besonders griechische; es wurden die ausgelassensten und wollüstigsten Lieder gesungen, die meistens Dichtungen der Sappho waren. Als endlich alle Tribaden in ausgelassenster Stimmung waren und sich nicht länger bemeistern konnten, wurden die Wachtposten wieder ausgestellt. Das Feuer wurde wieder angezündet, und alle begaben sich in das Heiligtum, um dort die großen Mysterien zu feiern und der Göttin zu opfern; mit andern Worten: Jetzt begann eine wirkliche Orgie.

Hier unterbreche ich, Mylord, die Erzählung der Berichterstatterin und decke einen Schleier über die abstoßenden Gemälde, die sie uns sehen ließ. Ich überlasse die Ausmalung Ihrer Phantasie, die diese Bilder sicherlich mit einem feineren Pinsel entwerfen wird. Ich will nur noch erwähnen, daß in dieser Akademie der Wollust auch ein Preis verliehen wird, wie bei allen andern Akademien. Dieser Preis besteht aus einer goldenen Medaille, deren Vorderseite die Göttin Vesta mit allen ihren Attributen darstellt, während die Rückseite die Bilder und die Namen der beiden Heldinnen zeigt, die bei diesem allgemeinen Kampf und verliebten Angriffen am längsten Widerstand geleistet haben. Bei dieser Gelegenheit trugen Frau de Furiel und Fräulein Sappho den Preis davon.

Als die Schöne in ihrem Bericht so weit gekommen war, hörte sie auf und bat um Schonung. Die Erzählung, die uns durchaus nicht lang erschienen war, weil sie so interessant war, hatte sie vielleicht mehr ermüdet als ihre Liebesnacht mit Frau de Furiel. Es war schon spät, wir hätten schon lange zu Tisch gehen sollen, aber es wurde verabredet, daß wir an einem andern Tage die Fortsetzung hören sollten; es konnte jedoch ein bestimmter Tag nicht verabredet werden, weil es infolge besonderer Umstände den Gästen nicht möglich war, sich so bald wieder zusammenzufinden. Sie müssen sich daher bezüglich der Fortsetzung gedulden, wie ich selber darauf warten muß; wahrscheinlich werden Sie sie erst im nächsten Jahre erhalten.

Paris, den 28. Dezember 1778.

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P.S.

Mathieu-François Pidansat de Mairobert, Anandria oder Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho, Übertragen ins Deutsche von Heinrich Conrad (1907).

Anmerkungen

[1Frau Gourdan hatte ein großes Interesse daran, besonders in diesem Falle recht vorsichtig zu sein, weil die Obrigkeit zu ihren Gunsten zwei Arten von Kupplerinnen unterschieden hatte: solche, von denen unschuldige junge Mädchen auf Abwege geleitet würden, und solche, die ihren Kunden nur Mädchen verschafften, die bereits verführt wären. Ihre Beschützer hatten beantragt, daß die Strafe für Kupplerinnen, nämlich auf einem Esel verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand, durch die Straßen reiten zu müssen, nur auf Verbrecherinnen der ersten Sorte angewandt würde, oder vielmehr, daß mir diese als Kupplerinnen im Sinne des Gesetzes angesehen würden. Infolge dieser feinen Unterscheidung wußte Frau Gourdan sich der Strafe zu entziehen.

[2Frau Gourdan ist in allen Sätteln gerecht: Sie liefert den Männern Mädchen und den Frauen Männer; wie aus dieser Bemerkung hervorgeht, verschafft sie auch den Tribaden Succuben. So nennt man die, die in den Liebeskämpfen zwischen Frau und Frau die passive Rolle spielen.

[3Fräulein Sappho hatte sich von diesem Briefchen eine Abschrift aufbewahrt, und es wird Ihnen vielleicht angenehm sein, Mylord, eine Probe vom Stil der Frau Gourdan zu bekommen:

»Madame,

ich habe für Sie einen Königsbissen entdeckt, oder richtiger gesagt: einen Bissen für eine Königin, wenn es eine solche gäbe, die Ihren entarteten Geschmack hätte; denn ich habe keine andere Bezeichnung für eine Leidenschaft, die meinen Interessen im höchsten Grade schädlich ist. Aber ich kenne Ihre Großmut und vergesse daher den Groll, den ich eigentlich gegen Sie hegen sollte. Ich teile Ihnen mit, daß ich die schönste Klitoris von ganz Frankreich zu Ihrer Verfügung halte, obendrein eine echte Jungfer von höchstens fünfzehn Jahren. Versuchen Sie sie! Ich verlasse mich ganz auf Sie und bin überzeugt, daß Sie gar nicht wissen werden, wie Sie mir danken sollen. Übrigens können Sie ihr ja keinen großen Schaden zufügen. Wenn sie Ihnen nicht gefällt, so schicken Sie sie mir wieder; es bleibt dann immer noch eine ausgezeichnete Jungfernschaft für die verwöhntesten Feinschmecker.

Ich bin ehrfurchtsvoll usw.«

Wie ich später erfuhr, hatte Frau de Furiel der Frau Gourdan ein Angeld von fünfundzwanzig Louis geschickt. Später wurde der Lohn für meine Preisgebung auf hundert Louis festgesetzt.

[4Fräulein Sappho sagte uns, daß sie seitdem diese Art Proben kennengelernt habe, und erklärte sie uns.

Die Bewerberin wird in ein Boudoir eingeschlossen, in welchem sich eine Statue des Priapos in seiner ganzen Manneskraft befindet. Außerdem sieht man dort mehrere Gruppen von Männern und Frauen, die paarweise die verschiedensten und anregendsten Stellungen darbieten. Die Wände sind mit Freskomalereien bedeckt, die ähnliche Bilder von männlichen Gliedern darstellen. Bücher und Bilder gleicher Art befinden sich auf einem Tisch.

Am Fuße der Statue befindet sich ein Kohlenbecken, dessen Feuer nur durch das allerleichteste Brennmaterial unterhalten wird; die Bewerberin darf sich kaum eine Minute ablenken lassen, da das Feuer dann ausgehen würde, das sie nicht wieder anzünden kann; man sieht daher, wenn man sie wieder abholt, ob sie irgendwelche Aufregung empfunden hat, die andeuten könnte, daß sie noch zu jener Unzucht neigt, der sie entsagen soll. Diese Prüfungen werden drei Tage lang während drei Stunden durchgeführt.

[5Wie es scheint, Mylord, sind diese Statue und der Globus hohl und mit einer Luft gefüllt, die leichter ist als die Atmosphäre im Salon, so daß sie ihr vollständiges Gleichgewicht behalten. So erklärten Physiker, die bei der Erzählung anwesend waren, dieses Wunder, das sehr romanhaft klingt. Sie zitierten sogar den Dominikaner Joseph Gallen, früheren Professor der Philosophie und der Theologie an der Universität Avignon, welcher 1775 ein Werk mit dem Titel »Die Kunst der Luftschiffahrt« veröffentlichte, das auf physischen und geometrischen Prinzipien beruht.

[6Kardinal de Bernis in seinen »Vier Jahreszeiten«.

[7Diese Verse sind eine Nachahmung oder freie Übersetzung des lateinischen Gedichtes »Sylvanuptialis« eines gewissen Johannes Nevizanus, der im 16. Jahrhundert lebte.

[8Frauen, die die Weihrauchgefäße zu schwingen hatten.



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