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Anandria

Mademoiselle Sappho - 2

Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho (Zweites Kapitel)


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Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho
Zweites Kapitel

Endlich, Mylord, kann ich mein Versprechen halten, an dessen Erfüllung Sie mich erinnern. Ich werde Ihnen die Fortsetzung der Beichte der hübschen Büßerin mitteilen, der Sie, wie es scheint, recht geneigt sind Absolution zu erteilen. Herr Clos hatte uns eingeladen, am Dreikönigstage den Kuchen bei ihm zu essen; und Fräulein Sappho, die der eigentliche Anlaß zu dieser Gesellschaft war, hat nicht verfehlt, sich pünktlich einzufinden. Nachdem wir einander die üblichen Komplimente gemacht und der Nymphe den Tribut der französischen Galanterie gezahlt hatten, nahm sie ihre Erzählung wieder auf und fuhr folgendermaßen fort.

Länger als fünfzehn Monate wohnte ich in dem Lusthäuschen von Frau de Furiel. Ich war dort von einem Luxus umgeben, der meine Hauptleidenschaft, die Eitelkeit, vollauf befriedigte. Und so schwamm ich denn in einem Meere von Freuden und Wonnen. Meine Erziehung hatte große Fortschritte gemacht, nicht nur in den Elementarfächern, sondern auch in den Künsten, die das Leben verschönen. Ich hatte mir die plumpe Sprache des Dorfes abgewöhnt; ich las, schrieb und rechnete sehr gut; ich nähte, stickte und häkelte; ich tanzte sehr anmutig und sang ganz leidlich, auch spielte ich die Harfe. Alle diese verschiedenen Beschäftigungen füllten meine Mußestunden aus, und so gingen mir die Tage schnell dahin. Allem Anscheine nach fehlte es mir an nichts, und ich hielt mich für vollkommen glücklich, als ein seltsames Abenteuer mich das höchste Glück kennen lehrte und mich bald darauf in einen Abgrund von Unglück und Leiden stürzte.

Die Modistin von Frau de Furiel, die berühmte Bertin, hatte Befehl, mir alles zu liefern, was ich bei ihr bestellte, und wir standen daher in einem regen Verkehr, den ein vertrautes Ladenfräulein zwischen uns vermittelte. Diese benutzte aber die Ausgänge, um heimlich ihren Liebhaber zu besuchen, einen Friseur namens Mille, einen sehr hübschen blutjungen Burschen von mittlerer Größe, den man nach seinen frischen rosigen Farben leicht für ein Mädchen hätte halten können. Es war ganz natürlich, daß bei diesen Besuchen seine Geliebte mit ihm über die Person sprach, die ihr das Glück verschaffte, so oft mit ihm zusammenkommen zu können. Sie erzählte ihm so viel und sprach so begeistert von meinem Gesicht und der Schönheit meines Körpers, daß sie seine Phantasie in Flammen setzte und daß er auf die bloße Beschreibung hin sich in mich verliebte. Die Leidenschaft wurde so stark, daß er ihr nicht widerstehen konnte und den Entschluß faßte, mich persönlich kennenzulernen. Er fing es ganz geschickt an; er fragte nicht nach mir, sondern erkundigte sich voller Neugier nur nach meiner Lebensweise und nach der Ausstattung meiner Wohnung. Schließlich machte er der Modistin den Vorschlag, sie möchte eines Tages, wenn sie mir Sachen zu bringen hätte, diese ihm anvertrauen und ihm ihre Kleider geben, damit er in dieser Verkleidung die Bestellung bei mir ausrichten könne. Seine Geliebte, die sich bis dahin niemals über ihn zu beklagen gehabt hatte, hegte keinen Argwohn und gab ihre Einwilligung. Als einige Tage darauf Fräulein Bertin ihr einen Hut für mich mitgab, ging sie zu Mille, gab ihm ihre Haube, ihren Mantel und alle andern weiblichen Kleidungsstücke, die er brauchte. Er nahm die riesige Schachtel, die den Hut enthielt, in beide Hände und ging, während sie sich in sein Bett legte, um seine Rückkunft zu erwarten. Man ließ ihn zu mir herein; ich war überrascht, ein neues Gesicht zu sehen, und sprach dieses gegen ihn aus. Die vorgebliche Modistin antwortete mir, ihre Kameradin sei krank und sie sei daher vom Geschäft beauftragt, sie zu vertreten. Sie freue sich dessen außerordentlich; denn sie habe ja schon viele Damen und Fräulein gesehen, sie sehe alle Tage welche, aber noch niemals habe sie eine so reizende gesehen; mit Recht nenne man den Ort, den ich bewohne, einen Tempel, denn ich sei eine Göttin. Schmeichelei vergiftet den Mann, noch leichter die Frau und folglich auch mich. Diese Worte, die sie in dem leidenschaftlichen Ton einer frommen Christin vorbrachte, die vor dem Altar kniet, gefielen mir ganz außerordentlich. Ich war gerade dabei, meine Schokolade zu trinken; ich befahl, eine zweite Tasse für die Modistin zu bringen, und ließ mich mit ihr in ein Gespräch ein, wobei ich in ihr ein geistreiches und vernünftiges Mädchen fand.

Im Laufe der Unterhaltung sagte sie mir folgendes: »Allem Anscheine nach, mein gnädiges Fräulein, befinden Sie sich in den glücklichsten Umständen, wie Sie sie ja auch verdienen; nur finde ich, es mangelt Ihnen etwas sehr Wesentliches zu Ihrem vollen Glück: Ich sehe zu meinem Bedauern, daß Sie des Umganges mit Männern entbehren. Ganz gewiß liebe ich das männliche Geschlecht durchaus nicht, ich habe niemals vertraute Beziehungen zu einem Manne unterhalten, denn ich finde keinen Geschmack an Männern und werde ihn auch wohl niemals finden. Aber man braucht ja nicht mit ihnen zu schlafen, schließlich sind sie doch die Hälfte des menschlichen Geschlechtes, für die wir geschaffen sind. Warum wollen Sie sich die Huldigungen entgehen lassen, die Sie von den Männern empfangen würden? Würde es Ihrem Selbstbewußtsein nicht schmeicheln, alle liebenswürdigen Lebemänner, von denen es in Paris und bei Hofe wimmelt, zu Ihren Füßen zu sehen und durch verächtliche Abweisungen die vielen leichtgläubigen Frauen zu rächen, die von jenen jeden Tag betrogen werden?«

Ich antwortete ihr hierauf lachend, sie sage wohl nicht die Wahrheit und sie scheine mir ein recht zügelloses Geschöpf zu sein.

»Nein!« fuhr sie fort. »Ich schwöre Ihnen, ich spreche zu Ihnen, wie wenn ich zu den Füßen meines Beichtvaters säße. Ich habe keinen Liebhaber, ja, ich bin sogar so beschaffen, daß mir der Umgang mit Männern überhaupt kein Vergnügen machen könnte; dagegen habe ich eine rasende Liebe zu Frauen. Wir brauchen ja unter uns Frauen keine Geheimnisse zu haben; wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen etwas ganz Besonderes. Es wäre mein sehnlichster Wunsch, daß Sie mich für würdig hielten, entweder als Modistin oder als Friseuse oder als Kammerzofe mich Ihrem Dienste zu widmen. Sie können sich darauf verlassen, Sie werden niemals so gut bedient sein.«

Dieses freie und leichte Benehmen von Seiten einer Person untergeordneten Ranges, die ich zum erstenmal sah, würde mich vielleicht gegen eine andere aufgebracht haben; an ihr aber gefiel es mir. Ohne Zweifel geschah dies infolge einer geheimen Sympathie, deren Wirkung ich bereits verspürte, ohne die Ursache zu kennen. Plötzlich trat sie an mich heran, ergriff meine Hände, küßte sie und rief: »Ach, lassen Sie sich doch umarmen; seien Sie meine kleine Geliebte, meine Herrin; nehmen Sie mich unter Ihren Befehl!«

Ich fühlte mich von einem hitzigen Feuer verzehrt, wie ich es bis dahin niemals gekannt hatte; doch gab ich mir den Anschein, als gäbe ich nur den Regungen der Neugierde nach. Ich ging an die Tür, schob den Riegel vor und sagte dann zu ihr: »Nun, so lassen Sie mich einmal das Wunder sehen, wovon Sie sprechen!«

Sie spielte einen Augenblick die Schüchterne, ja, sie erinnerte mich sogar an den Abstand, der zwischen einer kleinen Modistin und mir vorhanden wäre; sie tat, als ob sie selber über ihre Keckheit erstaunte, und sagte, ich müsse dies der übermäßigen Leidenschaft zuschreiben, die meine Reize ihr plötzlich eingeflößt hätten. Bald aber wurde sie kühner; sie bedeckte meinen Busen mit Küssen, ergriff meine Hände und zog sie leise an ihren... »Ungeheuer!« rief ich. »Du bist ein Mann! Ich bin verloren!«

Trotzdem aber ließ meine Hand nicht los, was sie ergriffen hatte; sie schien von einer magnetischen Kraft festgehalten zu werden. Ich hielt nicht einmal seine Hand zurück, die immer weitere Fortschritte machte und mir ein köstliches kitzelndes Gefühl verursachte, wie ohne Zweifel ich selber es ebenfalls dem Kühnen verschaffte. Und so vollbrachten wir beide gleichzeitig unser Opfer; ich aber geriet dabei in eine solche Verzückung, daß ich von einer Art Krampf ergriffen wurde. Bald fand er seine frühere Kraft wieder und machte sich meinen Zustand zunutze, um sich den Zugang zum Weg des wahren Glückes zu bahnen und mich mit einem so entsetzlichen Ungestüm anzugreifen, daß der Schmerz mich wieder zur Besinnung brachte. Ich wollte schreien, aber ein Übermaß von Wonne ließ die Klage auf meinen Lippen ersterben. Nachdem wir beide mehrere Male fast unmittelbar hintereinander vor Wollust die Besinnung verloren hatten, kam ich endlich wieder zu mir und konnte wieder sprechen.

Ich fragte ihn, mit wem ich es zu tun hätte und wie er darauf gekommen sei, bei mir einzudringen. Mille wagte nicht, mir die Wahrheit zu gestehen, und erzählte mir darum eine Geschichte von freier Erfindung. Er sagte, er sei der Sohn von Frau de Furiel; er habe mich mehrere Male in der Kutsche seiner Mutter auf den Boulevards und in ihrer Theaterloge bemerkt, sei eifersüchtig auf sie geworden und habe sich wahnsinnig in mich verliebt. Da er gewußt habe, daß er auf gewöhnlichem. Wege nicht zu mir gelangen könne, habe er versucht, eine meiner Dienerinnen zu bestechen. Da auch dies ihm mißlungen sei, sei er schließlich darauf verfallen, sich an eine der Putzmacherinnen zu wenden, die mich bedienten, und er segne die Liebe, daß sie ihm diese List eingegeben habe, die ihm so herrlich gelungen sei. Er halte es jedoch der Vorsicht wegen für angebracht, daß seine Vermittlerin von diesem Erfolg nichts erfahre; er werde ihr daher sagen, ich sei unerbittlich gewesen und er habe alle Hoffnung verloren. Ich meinerseits möchte dem Fräulein keinen Vorwurf machen, sondern das tiefste Schweigen bewahren. Er werde sich weibliche Kleidung machen lassen und in Zukunft unter einem Vorwande, den ich selber ihm angeben möchte, und zu den von mir gewünschten Stunden zu mir zu gelangen wissen. Ich konnte diese vernünftigen Vorsätze nur billigen und entließ ihn, nachdem ich noch den Wunsch ausgesprochen hatte, ihn recht bald wieder zu sehen.

Vor allen Dingen mußte ich nun ein Unwohlsein vorschützen, um mir einige Tage Ruhe zu verschaffen und durch Ausspülungen mit einer gelinde zusammenziehenden Flüssigkeit den Blicken von Frau de Furiel die Spuren der von dem verliebten Ungeheuer angerichteten Schäden zu verbergen. Bald darauf kam eine neue Sorge hinzu: Ich hatte Übelkeiten, Erbrechen, mit einem Wort alle Symptome der Schwangerschaft; besonders das Ausbleiben der monatlichen Reinigung konnte ich unmöglich meinen Kammerfrauen verbergen. Sie meldeten dies Frau de Puriel, die in die größte Unruhe wegen meines Zustandes geriet. Das Schwierigste aber war für mich, zwei Liebesverhältnisse gleichzeitig zu unterhalten, von denen das eine mir abgeschmackt und lästig vorkam, gerade weil das andere so außerordentlich anziehend für mich war und ich mich mit allen Kräften diesem hingab. Wie Sie begreifen werden, mußte durch diese verschiedenen Anzeichen eine so kluge und scharfblickende Frau sehr bald hinter mein Geheimnis kommen, das sich auf die Dauer überhaupt nicht hätte verbergen lassen.

Mille seinerseits war in großer Verlegenheit, als er nach seiner Rückkehr der Geliebten seine Dankbarkeit in der von ihr erwarteten Weise bezeigen sollte, an die sie von früher her gewöhnt war. Er mußte eine Lüge vorbringen, und sie verließ das Bett in demselben Zustande, wie sie sich hineingelegt hatte. Sie tröstete sich mit der Hoffnung, daß es ein anderes Mal besser gehen werde. Als er aber das nächste Mal ebenso unfähig war, konnte sie an der Abkühlung seiner Liebe nicht mehr zweifeln, und sie ahnte sofort, daß ein anderes Verhältnis daran schuld war. Sie bemühte sich, dies Verhältnis zu entdecken; aber auf mich hatte sie keinen Verdacht, weil ich selber niemals über unser Verhältnis sprach und weil sie überzeugt war, daß ihr Geliebter mich nur ein einziges Mal besucht habe, besonders aber weil sie sich nicht denken konnte, daß zwischen einem Friseur und einem in solchem Luxus lebenden Fräulein eine Verbindung bestehen könnte. Sie hätte also noch lange vergeblich herumspionieren können, wenn ihr nicht der Zufall zu Hilfe gekommen wäre. Als sie eines Morgens mir einige Modewaren zu bringen hatte, sah sie von weitem ein Mädchen aus meiner Wohnung herauskommen, das große Ähnlichkeit mit Mille hatte. Sie beschloß sich Aufklärung zu verschaffen, folgte dem verkleideten Mädchen von weitem und fand ihre Vermutung immer mehr bestärkt, als sie diese erst in Milles Straße, dann in Milles Haus und schließlich in Milles Zimmer eintreten sah. Sie klopfte, keine Antwort. Sie sah durch das Schlüsselloch und erblickte ihn damit beschäftigt, sich auszuziehen. Sie klopfte stärker; er antwortete, man solle einen Augenblick warten. Endlich öffnete er: Welche Überraschung, als er seine Geliebte vor sich sah! Er errötete und bat sie um Entschuldigung, daß er nicht gleich geöffnet habe, aber er habe nicht gewußt, wer da sei. Er komme gerade aus dem Bette; er sei die ganze Nacht unwohl gewesen und habe nur so viel Zeit gehabt, sich seinen Schlafrock anzuziehen.

Sie ließ sich von diesen Worten nicht mehr betrügen, denn sie wußte ja, daß es lauter Lügen waren. Sie fand sofort an seinem Leibe, an seinem Hemde die Spuren seiner Untreue. Dann stöberte sie im Zimmer herum und zog sehr bald das Kleid hervor, das er gerade eben ausgezogen hatte und das auf eine unwiderlegliche Art gegen ihn zeugte. Vorläufig tat sie noch, als ob sie nicht wüßte, wo er gewesen war; aber sie verlangte es von ihm zu wissen und drohte ihm, sie werde nur unter dieser Bedingung ihm verzeihen. Sie überschüttete ihn mit einer Flut von Beleidigungen und Drohungen, die ihm die größte Angst einjagten. Damit sie nur aufhörte, gestand er alles. Als sie alles wußte, lief sie in rasender Wut davon, indem sie zum Abschied den Wunsch aussprach, daß Frau de Furiel, die seinen Verrat sofort erfahren werde, ihm unverzüglich den Lohn dafür auszahle und ihn in den Armen seiner neuen Geliebten totschlagen lasse. Es blieb nicht bei diesem frommen Wunsche. Nachdem sie dem Ungetreuen einige Tage Zeit zur Reue gelassen hatte, ohne daß er davon Gebrauch machte, begab sie sich zu Frau de Furiel und setzte diese von allem in Kenntnis.

Diese Anzeige in Verbindung mit dem, was sie selber bereits bemerkt hatte, klärte die Dame vollkommen auf, und sie zweifelte nicht mehr daran, daß ich sie angeführt hatte; aber sie wollte sich einen unzweifelhaften Beweis davon verschaffen und ließ sich daher eine ganz genaue Beschreibung des als Mädchen verkleideten Jünglings geben. Sie erkundigte sich bei den Kammerfrauen nach diesem verkleideten Mädchen und erhielt von ihnen die Bestätigung, daß ich sehr häufig den Besuch der angeblichen Modistin empfinge. Infolgedessen gab Frau de Furiel den Befehl, man solle das Mädchen, sobald sie wiederkomme, ohne alle Schwierigkeiten hineinlassen, ihr aber sofort Bescheid geben. Bald bot sich die gewünschte Gelegenheit, Frau de Furiel erhielt Bescheid und eilte sofort herbei. Wir hatten uns in meinem Boudoir eingeschlossen; sie ließ die Türen erbrechen. Wir hatten allerdings Zeit genug gehabt, unsere Kleider zu ordnen, aber es sprachen zu viele Anzeichen gegen uns: Vor allen Dingen verriet uns unsere Bestürzung, unser Schweigen; denn wir waren nicht imstande, ein einziges Wort hervorzubringen. Sie stürzte auf mich zu und rief: »Unglückliche! So hältst du deine Versprechungen, deine Schwüre! So dankst du mir für meine Sorgfalt, so dankst du mir meine Wohltaten, so vergiltst du Liebe mit Liebe! Undankbare, wie hast du dich so weit vergessen können? Und noch dazu an diesem Ort, wo alles dich an die Pflicht, die Dankbarkeit erinnern und dir dein Verbrechen hätte zum Bewußtsein bringen müssen, wo du nicht einen Schritt tun, nicht einen Blick um dich werfen, nicht deine Hand ausstrecken konntest, ohne nah und fern, um dich herum, an dir selber Zeichen meiner Schwäche und Beweise deiner Treulosigkeit zu bemerken! Hast du denn nicht befürchtet, daß dieses Ruhebett, der infame Schauplatz deiner Treulosigkeit, sich plötzlich belebe und voller Entrüstung sich aufbäume, um dich von sich zu werfen – dich, die es besudelte, die sich auf ihm einer abscheulichen Prostitution hingab, deren Zeuge und Mitschuldige es bis dahin noch niemals gewesen war? Übrigens habe ich ja selber Schuld: Was konnte ich von einem Mädchen erwarten, das aus dem Schlamm hervorgegangen ist, dessen Seele ebenso niedrig ist wie seine Herkunft und sich daher niemals von dieser losmachen konnte!«

Die Lebhaftigkeit ihrer Gefühle überwältigte sie. Sie schwieg. Sie vergoß Tränen, aber es waren keine Tränen der Zärtlichkeit, sondern Tränen der Verzweiflung und der Wut.

Ich hatte mich unterdessen von meinem ersten Schrecken erholt und sagte zu ihr: »Gnädige Frau, ich will nicht lügen, ich will meinen Fehltritt, den Sie Verbrechen nennen, nicht leugnen. Er ist ja nur allzu sehr bewiesen; aber wenn er ein Verbrechen ist, so ist er ein Verbrechen der Natur. Sie wissen aus eigener Erfahrung, daß man gegen den Trieb seiner Natur nicht ankämpfen kann, daß weder Versprechungen noch Schwüre etwas gegen die Natur vermögen, sondern daß diese früher oder später doch stets die Herrschaft wiedergewinnt. Verteidigen aber will ich mich gegen den Vorwurf, ein anderes, ein wirkliches Verbrechen begangen zu haben, nämlich das der Undankbarkeit. Dies Gefühl ist meinem Herzen nicht eigen, es liegt mir fern. Ich empfinde im tiefsten Herzen Ihre Wohltaten; ich werde mich ihrer mein ganzes Leben lang erinnern, ich möchte mein Blut hergeben, um sie zu zahlen, und wenn Ihnen meine Dienste angenehm sind, so bin ich bereit, bis zu meinem letzten Atemzuge Ihnen dies zu beweisen, bin ich bereit, Ihre Sklavin zu sein. Aber dies ist alles, was ich tun kann; sonst verzichte ich auf alle Ihre Wohltaten. Außerdem habe ich, wie Sie sehen, keine unwürdige Wahl getroffen, über die Sie zu erröten brauchen. Das Schicksal trieb mein Blut, in Leidenschaft zu Ihnen zu lodern: Aus den Armen der Mutter bin ich in die des Sohnes gesunken...«

»Des Sohnes? Was höre ich?« antwortete Frau de Furiel voller Wut, indem sie einen furchtbaren Blick auf Mille warf. »Sollte etwa dieser Schurke die Frechheit gehabt haben, ein solches Märchen zu ersinnen? Mein Sohn? Ein gemeiner Bartkratzer...«

Mille fühlte, daß er nicht mehr zurückweichen konnte und daß das Geheimnis enthüllt war. Ohne ihr zu antworten, stürzte er sich mir zu Füßen, gestand seinen Betrug und bat mich um Verzeihung. Er sagte, er habe befürchtet, mir als Träger eines gewöhnlichen Namens und als einfacher Handwerker zu mißfallen; er bitte mich, um seiner Liebe willen ihm zu verzeihen, und er glaube, daß ich ihm bereits verziehen habe, denn er habe mir ja gefallen.

Diese neue Entdeckung überraschte mich aufs höchste; ich vermochte nicht, meinen Mund zu öffnen, aber er konnte mein Schweigen nur im günstigsten Sinne auslegen. Frau de Furiel geriet nun in die höchste Wut und rief: »Ich könnte auf der Stelle die Strafe über euch verhängen, die ihr beide verdient; aber ihr seid in meinen Augen zu verächtliche Geschöpfe, als daß ich mich zu einer Handlung der Rache erniedrigen sollte. Man ziehe ihr alle Sachen aus, die mir gehören, und gebe ihr ihre Bauernkleider! Man werfe sie mit ihrem Taugenichts auf die Straße! Sie wird bald anderwärts die Strafe finden, der Frauenzimmer ihresgleichen nicht entgehen!«

Die Befehle meiner Wohltäterin wurden sofort ausgeführt. Ich verlor jedoch meine Fassung nicht, sondern nahm ganz kaltblütig Milles Arm und sagte: »Komm, lieber Freund! Ich verzeihe dir deine List, obwohl ich durch sie ein Vermögen verliere. Du hast genug, um mich dafür schadlos zu halten. Du bist mehr wert als das, was man mir nimmt. Nur schnell hinaus aus diesem neuen Sodom, bevor der Blitz herniederfährt und es zerschmettert.«

Der Friseur führte mich in seine Wohnung und pflegte mich aufs beste. Ein paar Tage lang ging alles gut, und vielleicht hätten wir noch lange glücklich miteinander gelebt, wenn nicht seine frühere Geliebte, die Modistin, gewesen wäre. Es empörte sie, daß sie die Frucht ihrer Bosheit nicht ernten sollte, sondern sehen mußte, daß sie uns nicht nur nicht auseinandergebracht, sondern im Gegenteil uns noch enger vereinigt hatte. Ihre Eifersucht stieg dadurch auf eine solche Höhe, daß sie oft zu uns kam und lärmende Auftritte veranlaßte, wodurch Milles Stubennachbarn gestört wurden. Diese hielten mich für eine gewöhnliche Straßendirne und beschwerten sich beim Kommissar. Mitten in der Nacht holte man mich plötzlich aus dem Bette meines Geliebten und brachte mich nach St. Martin.

Ich werde Ihnen dieses für liederliche Frauenzimmer bestimmte Gefängnis, das ein ebenso entsetzlicher wie ekelerregender Ort ist, nicht im einzelnen schildern. Es wird genügen, wenn ich Ihnen sage, daß es eine Kloake für alle Laster, ein Schauplatz aller Schamlosigkeiten ist. Man hört dort nichts als unflätige und grobe Worte, Flüche und Lästerungen des verkommensten und daher auch rohesten Gesindels. Glücklicherweise ist es nur ein vorübergehender Aufenthalt für diejenigen, die für das sogenannte große Haus, nämlich das allgemeine Hospital, bestimmt sind. Ohne Zweifel haben Sie alle, meine Herren, die prachtvolle kluge Lobrede gelesen, welche Frau Gourdan in dem Meisterwerk erotischer Beredsamkeit, das man der Überlieferung für die Nachwelt würdig gehalten hat, zum Preise dieses Hospitals vorgebracht hat. Man muß jedoch von ihrer begeisterten Schilderung sehr viel in Abzug bringen. Es ist im Grunde eine nicht weniger schreckliche Besserungsanstalt als der zuerst genannte Ort; und man würde dort nicht weniger körperliche und moralische Verderbnis finden, wenn es nicht einerseits geräumiger und besser gelüftet wäre und wenn nicht andrerseits ein patriotischer Minister den Einfall gehabt hätte, alle diese sündhaften Hände zur Arbeit heranzuziehen, die unglücklichen Gefangenen dadurch vor dem Müßiggang zu bewahren und aus ihrer Bestrafung einen Vorteil für das allgemeine Wohl zu ziehen. Der augenblickliche Polizeistatthalter ist ein nicht weniger kluger Staatsmann: Er hat diesen Plan, den Herr de Malesherbes nur in seinen Umrissen hat entwerfen können, bedeutend vervollkommnet, und die Riesensäle des Hospitals, die einstmals mit ihrer Pest auch die reinsten Leute angesteckt hätten, wenn sie sie betreten hätten, sind jetzt Arbeitsstätten geworden; wenn man sie auch noch nicht erbaulich nennen kann, so sind sie doch zum mindesten nützlich.

Da ich schwanger war, wie man leicht feststellen konnte, so wurde mir eine besondere Wohnung angewiesen, wo man mich sehr milde behandelte. Ich brachte ein Kind zur Welt, wurde bis zu meiner völligen Genesung sehr sorgfältig gepflegt und dann entlassen, so daß ich glücklich dieses Gefängnis verließ, ohne daß ich es eigentlich kennengelernt hatte.

Aber nun stand ich ohne einen Heller in der Tasche da; ich hatte nicht einmal Kleider und überhaupt nichts, was ich hätte versetzen können, um mir etwas Geld zu verschaffen. So war ich denn völlig ratlos, besonders nachdem ich zu Milles Wohnung gegangen war und dort erfahren hatte, daß er, um sich den fortwährenden Verfolgungen seiner Megäre zu entziehen, bei einem ausländischen Herrn in Dienst getreten und mit ihm nach Rußland gereist sei. Er hatte alle seine und meine Habseligkeiten verkauft. Es war ihm nicht eingefallen, mir Unterstützung zu bringen, ja, er hatte sich nicht einmal nach mir erkundigt, und so stand ich denn, von allem Notwendigsten entblößt, auf der Straße. Da begriff ich, freilich zu spät, wie recht meine Wohltäterin gehabt hatte, als sie von der Leichtfertigkeit, Unbeständigkeit, Treulosigkeit und Verruchtheit der Männer sprach. Ich faßte den festen Entschluß, mich in meinem ganzen Leben nicht an einen Mann anzuschließen. Indessen mußte ich mir doch meinen Unterhalt verdienen, und da sah ich keine andere Hilfe, als zu Frau Gourdan zu gehen und bei ihr Zuflucht zu suchen. Ich kannte Paris fast noch gar nicht; ich wußte nicht einmal, in welcher Straße das Haus der berühmten Frau lag; aber ich dachte mir, jedermann müsse dies wissen, und fragte daher einfach alle Vorübergehenden darnach. Einige antworteten mir gar nicht, andere lachten mir ins Gesicht. Mehrere fromme Frauen schlugen ein Kreuz, als sie meine Frage hörten, aber eine von ihnen sah mich hierauf genauer an, ergriff meine Hand und sagte zu mir: »Mein Kind, Sie sind nicht dazu geschaffen, in ein solches Haus zu gehen. Ich habe Mitleid mit Ihrer Unschuld. Segnen Sie die Vorsehung und überlassen Sie sich meiner Führung: Ich werde Ihnen einen besseren Platz verschaffen als an einem solchen Ort. Zuvor aber kommen Sie zu mir und legen Sie mir Ihre Beichte ab.«

Ich folgte ihr in ihre Wohnung, die nicht weit von hier in der Rue du Bac in der Nähe der Missionsgesellschaft lag.

Ich bin von Natur offenherzig; übrigens hatte ich gar keine Zeit gehabt, mir eine Geschichte zurecht zu machen, und außerdem drängte mich die Not. Ich faßte Vertrauen zu der Frau und erzählte ihr ausführlich alles, was mir zugestoßen war und worüber ich im Grunde auch nicht zu erröten brauchte, da ich ja doch sozusagen durch unvermeidliche Schicksalsfügung vom rechten Wege abgelenkt worden war. Übrigens hatte auch sie ihrerseits gute Gründe, nachsichtig zu sein, und es war ihr durchaus nicht unangenehm, aus meiner Erzählung zu entnehmen, daß ich sehr geeignet sein würde, auf die Pläne einzugehen, die sie mit mir vorhatte.

Sie sagte zu mir: »Ich heiße Frau Richard, bin Witwe und habe keine Kinder; mein Mann war Stuhlvermieter in der Kirche der Missionsgesellschaft; dadurch bekam ich Gelegenheit, in die Anstalt hineinzukommen und die Bekanntschaft der Herren Missionare zu machen. Um leichter ihre Gunst zu gewinnen, spielte ich die Fromme: Ich machte mich an einen der einflußreichsten Herren heran und ging bei ihm zur Beichte. Um einmal zu sehen, ob er leidenschaftlichen Regungen zugänglich sei, sprach ich ihm meine Gewissensbedenken über den ehelichen Verkehr mit meinem Manne aus; zu meiner großen Befriedigung bemerkte ich, daß er nicht unempfindlich war. Obgleich er mich tüchtig ausgescholten und mir befohlen hatte, in Zukunft zurückhaltender zu sein und nicht zu sehr auf die Einzelheiten einzugehen, fand ich doch leicht den Mut, das zweite Mal meine Schilderungen noch schlüpfriger zu gestalten. Dieses Mal beichtete ich eine Untreue, die ich gegen meinen Mann begangen haben wollte, indem ich endlich den dringenden Anträgen eines Liebhabers nachgegeben hätte. Ich merkte, daß diese Sünde dem ernsten alten Herrn nicht allzu mißfällig war, sondern daß sich, ihm selber noch halb unbewußt, in sein Herz die Hoffnung einschlich, er könne vielleicht eines Tages ebenso glücklich sein. Allerdings verwies er mir auch dieses Mal meine Ausdrücke, aber er war dabei viel weniger streng, nannte mich sein liebes Beichtkind und ermahnte mich, oft vor dem Beichtgericht zu erscheinen, um meine unglückliche Neigung zum männlichen Geschlecht auszurotten. Nachdem ich durch diese gelungenen Versuche die Tugend des Dieners Jesu Christi erschüttert hatte, beschloß ich, einen entscheidenden Schlag gegen ihn zu führen. Ich beichtete ihm einen wollüstigen Traum. Diesmal handelte es sich nicht mehr um eine unzüchtige Handlung oder einen einfachen Ehebruch, sondern um ein gotteslästerliches Vergehen, eine geistige Blutschande, die ich mit einem Priester, dem Mitgliede eines geistlichen Ordens, begangen hätte, mit einem Wort: mit meinem... Ich wagte nicht, zu Ende zu sprechen, wie wenn ich selber ob der Ungeheuerlichkeit meines Verbrechens erschrocken wäre, obgleich ich es nicht in Wirklichkeit begangen, sondern nur im Traum vollbracht hatte. Der Beichtvater fiel plötzlich aus der Rolle, oder besser gesagt: Er besann sich darauf, welches Recht diese Rolle ihm gab. Er verlangte zu wissen, mit wem ich die Sünde begangen hätte; er wurde immer dringender und befahl mir im Namen Gottes, dessen Vertreter er sei, ihm nichts zu verbergen. Endlich fügte ich mich in den Willen des Himmels und sagte zu ihm: »Es war mein Beichtvater, mit dem ich im Bett zu liegen glaubte, mit ihm habe ich im Traum...«

Ich hatte dies Geständnis so kunstreich vorbereitet, daß es kein Wunder war, wenn es wirkte. Herz und Seele des Beichtvaters gerieten in die größte Aufregung. Er verlor völlig den Kopf; er begann zu stammeln, wußte nicht mehr, was er sagte, noch was er tat. Mit einem stürmischen Drange, wie er ihn noch nie gekannt hatte, bäumte seine Sinnlichkeit sich auf. Mechanisch suchte er sich zu bändigen. Er bewegte sich hin und her, er schüttelte seinen..., er versank in eine köstliche Verzückung. Die Stimme des Fleisches war zum Schweigen gebracht; aber er errötete über seinen Sieg. Schleunigst schaffte er sich sein Beichtkind vom Halse, indem er mir Absolution erteilte. Dann ging er in seine Zelle, um seine Schande in der Einsamkeit zu verbergen.

Ich hatte alles bemerkt, was er mit sich vorgenommen hatte. Sofort begriff ich, daß ich nur noch ein Zusammensein unter vier Augen herbeizuführen brauchte, um ihn vollends zu verführen, indem ich den Augenblick, wo seine Phantasie aufs höchste gereizt wäre, geschickt benutzte. In der Osterwoche schützte ich eine Krankheit vor; ich schickte meinen Mann zum Beichtvater und ließ ihn bitten, mich anzuhören. Eilends kam er. Mit sauberer Wäsche bekleidet lag ich im Bett. Teilnahmsvoll fragte er mich nach meinem Befinden. Ich sagte zu ihm: »Ach, ich weiß selber nicht, was mit mir ist; mich beherrscht eine eigentümliche Stimmung, eine tiefe Traurigkeit, ein allgemeines Schwächegefühl. Mich verzehrt ein geheimes Feuer; es ist jetzt kein Traum mehr, sondern dauernde Wirklichkeit: Mich beherrscht eine heftige Leidenschaft, die ich vergebens bekämpfe. Diese Leidenschaft ist ganz wahnwitzig; denn selbst wenn die göttliche Gnade oder der Teufel Gewalt über mich gewinnen sollte, hätte ich nicht die geringste Hoffnung, dadurch den Mann für mich zu gewinnen, dem diese Leidenschaft gilt, denn er ist ein ernster Mann von außerordentlicher Tugend, der sich niemals herablassen würde, auch nur einen Blick auf mich zu werfen.«

Mit diesen Worten drehte ich mich herum und bot den Blicken des Beichtvaters, der kein Auge von mir verwandte, meinen Busen dar, von dem ich wohl sagen darf, daß er wirklich schön war. Ich sah den geistlichen Herrn mit einem zärtlichen Blicke an und fuhr fort: »Ja, ehrwürdiger Vater, Sie sehen in mir die verworfenste Sünderin! Vor dem Beichtstuhle, in dem Augenblick, wo ich meine Sünden eingestand, machte ich mich neuer Sünden schuldig, überließ ich mich einer frevelhaften, blutschänderischen Liebe. Ach, warum kann ich nicht die Kleider meines Geschlechtes ablegen und ein Mönchsgewand anziehen, um mit ihm zusammen zu leben, ihn zu bedienen und unaufhörlich meine Augen an dem herrlichen Anblick seines ehrwürdigen Gesichtes zu weiden. Denn er ist eine majestätische Erscheinung wie Sie, ehrwürdiger Vater; sein Blick ist wohlwollend und sanft, seine Stimme melodisch und freundlich. Ich glaube ihn vor mir zu sehen und zu hören... Ich Unglückliche, was habe ich gesagt! Ach, Sie gleichen ihm nur allzu sehr, und ohne Zweifel würden Sie unerbittlich sein wie er!«

Überredender, dringender hatte selbst Phädra nicht in ihrem Geständnis gesprochen; ich aber war glücklicher als Phädra.

»Du hast gesiegt, meine liebe Richard!« rief der fromme Mann. »Du triumphierst über fünfzig Jahre eines sittenstrengen tugendhaften Lebens! Um deinetwillen werde ich verdammt werden; aber was macht mir dies? Seitdem ich dich kenne, leide ich ja schon mehr als Höllenqualen; warum solltest du mir nicht Wonnen verschaffen, wie das Paradies selber sie mir nicht bieten kann? Ich glaube, das höchste Wesen gibt hier selber seinen Willen kund. Es muß uns diese gegenseitige Sympathie eingeflößt haben, die ohne unser Zutun uns erfüllt hat, die wir vergebens bekämpft haben, die allen Anstrengungen unserer Willenskraft widerstanden hat! Ganz gewiß wird es uns nicht für etwas bestrafen, was sein eigenes Werk ist. Wir haben Gottes Stimme gehört. Seine Wege sind unerforschlich. So wollen wir denn Seinem Willen folgen: Nimm mich auf in deine Arme, empfange von mir Gesundheit und Leben wieder, mache ohne Gewissensbisse von diesem Heilmittel Gebrauch! Solche Vereinigungen haben nichts Schlechtes an sich, wenn nur der Skandal vermieden wird. Darum wollen wir mit einem undurchdringlichen Schleier unser Verhältnis vor den Blicken der Weltkinder und der Neider verbergen!«

Mit diesen Worten stürzte er sich wie rasend auf mich. Ich ergab mich ihm. Ich glaube, er opferte mir seine Keuschheit, denn er war dem Anschein nach völlig unerfahren in solchem Verkehr mit einer Frau; er schien diesen nur theoretisch zu kennen; was er wußte, mochte er im Beichtstuhl oder aus den Büchern der Casuisten erfahren haben. Ich mußte ihn mit eigener Hand auf den Weg zum Glück leiten. Aber dann, welche Verzückungen! Welche Ausbrüche von Wonne! Er war fünfzig Jahre jünger geworden; an demselben Tage umarmte er mich noch mehrere Male. Auch am nächsten Tage und am dritten Tage kam er und nahm mir die Beichte ab.

Dieser Verkehr dauerte beinahe einen Monat, und immer zeigte er das gleiche Feuer und die gleiche Kraft. Ich vermute, daß er durch eine besondere Art von Ernährung seine Kräfte aufrechterhielt. Wenigstens ist dies sehr wahrscheinlich. Doch möge dem sein, wie ihm wolle, lange konnte es nicht so weitergehen. Ein hitziges Fieber befiel den alten Herrn, und in wenigen Tagen war er tot.

So wurde ich plötzlich doppelt Witwe; denn mein Mann, ein Trunkenbold, brach sich das Genick, als er berauscht aus der Kneipe nach Hause ging. Ich war froh, daß ich ihn los war. Aber der Tod des frommen Mannes war für mich ein großer Verlust; er hatte reichliche Pfründen, und ich hätte Nutzen von ihm haben können. Dazu hatte ich leider noch keine Zeit gehabt. Ich dachte nun von neuem darüber nach, welchen anderen Beichtvater ich aufs Korn nehmen sollte, um die Stelle des Alten zu ersetzen. Da kam mir die Vorsehung zu Hilfe.

Eines Tages sah ich einen Mitbruder des Verstorbenen bei mir eintreten. Dies war ein außerordentlich frommer Mann, der den allergrößten Einfluß hatte, da er für die meisten hochadligen Damen unserer Stadtgegend Gewissensrat war und ihre Almosen verteilte. Ich kannte ihn von Ansehen, hatte sogar gelegentlich ein paarmal mit ihm gesprochen, aber wegen seines Äußeren hatte er mir stets mißfallen. Er war dürr und lang wie eine Hopfenstange, von schlechter Haltung, und sein blasses Gesicht mit der Büßermiene machte ihn zu einer abstoßenden Erscheinung. Er war der Freund meines vorigen Beichtvaters, der in seinen Armen gestorben war und ihm in der letzten Beichte seine Reue anvertraut hatte. Mich kannte er ganz genau und wußte, was zwischen uns beiden vorgefallen war. Er suchte nun daraus Nutzen zu ziehen. Um sich aber nicht bloßzustellen und zunächst ohne Gefahr das Gelände auszukundschaften, führte er sich unter einem sehr anständigen Vorwande bei mir ein. Wie er mir später selber gestanden hat, war die Geschichte, die er mir erzählte, erlogen. Er sagte, sein Freund und Ordensbruder habe ein Testament gemacht, worin er sein ganzes Vermögen der Anstalt hinterlassen habe; doch habe er einige Legate ausgesetzt, darunter eins von fünfundzwanzig Louis zu Gunsten der Frau Richard, die ihm seine Bäffchen und Chorhemden ausgebessert habe. Zugleich legte der fromme Herr eine Rolle von fünfundzwanzig Louis auf den Tisch. Bei diesem Anblick legte sich die Angst, die mir sein Erscheinen zuerst eingeflößt hatte; bald traten wir in Verhandlungen ein, wir wurden einig, und der Verstorbene war vergessen. Und nun regnete es milde Gaben der Herzoginnen in das bescheidene Heim der Stuhlvermieterin, die sich dabei vortrefflich stand.

Die Leiter der Missionsanstalt haben Zutritt zu den vornehmsten Häusern des Faubourg St. Germain und üben durch die Frauen, die bei ihnen zur Beichte gehen, einen sehr beträchtlichen Einfluß aus; in der Anstalt selber ist beständig ein sehr reger Verkehr von Predigern, geistlichen Schriftstellern, jungen adligen Abbés, reichen Pfründeninhabern und Bischöfen. Ein geschickter Heuchler muß viele von diesen Herren kennen; da er in seinen dunklen Kreisen selber keine Rolle spielen kann, so muß seine Eitelkeit ihn antreiben, sich zum mindesten diesen Herrn notwendig zu machen: Er besorgt ihnen nach Bedürfnis Predigten, Hirtenbriefe, Großvikare, Pfründen und sogar Mädchen, wenn er sie genau kennt und ihrer Verschwiegenheit sicher ist. Diese letztere Abteilung steht unter meiner Leitung; es ist nicht ausgeschlossen, daß ich sehr bald den Auftrag erhalten werde, einem Prälaten eine offizielle Geliebte zu besorgen.«

Ich merkte sofort, daß Frau Richard Augen auf mich geworfen hatte, daß sie es aber für nötig hielt, sich zuvor zu vergewissern, ob ich genügend Lebensart besäße, und mir genaue Instruktionen zu geben. Außerdem war sie mit Arbeiten überhäuft, da das junge Mädchen, das vorher bei ihr gewesen war, ihr von einem jungen Leichtfuß entführt worden war. Meine Hilfe war ihr daher sehr nützlich und sogar notwendig, bis ich einen andern Platz gefunden hätte. Nachdem wir uns mehrere Stunden miteinander unterhalten hatten, hielt sie mir folgende kleine Rede, die ich wegen der darin ausgesprochenen soliden Grundsätze unwillkürlich bewundern mußte. Sie sagte folgendes zu mir:

»Glauben Sie ja nicht, daß wir unser Gewerbe mit den Frommen ebenso treiben können wie mit den Kindern der Welt. Abgesehen von Greisen und abgestumpften Wüstlingen müssen die Frommen mit viel mehr Kunst und Sorgfalt behandelt werden als die andern, bei denen für gewöhnlich eine Leidenschaft oder doch mindestens ein Wohlgefallen an dem geliebten Gegenstand mit ins Spiel kommt und den Genuß so köstlich macht, daß wir uns beinahe gar keine Mühe zu geben brauchen. Ganz anders ist es mit den Heuchlern: Diesen gefällt jede weibliche Person, die man ihnen zuführt, denn jede erregt ihre Sündigkeit, es kommt nur auf den Zufall an, ob sich geschlechtliche Beziehungen zwischen ihnen entwickeln. Aber außerordentlich schwierig ist es selbst für eine erfahrene Courtisane, in einem solchen Freunde, der bei ihr geschlafen hat, den Wunsch nach einer Wiederholung des Genusses zu erwecken, ihn an sich zu ziehen und zu fesseln. Sie muß während der kurzen Augenblicke, da sie ihn besitzt, seine Phantasie so entflammen, daß sie selbst durch einen langen Zeitraum bis zur nächsten Begegnung nicht abgekühlt wird. Die Erinnerung an die Genüsse, die sie ihm verschafft hat, muß ihm stets gegenwärtig sein, muß ihn begierig auf neue Genüsse machen und ihn zu der Überzeugung bringen, daß er solche Genüsse bei einer anderen nicht wird finden können. In der Gesellschaft dagegen hat eine Frau, die einen Kavalier in sich verliebt gemacht hat, tausend Mittel, ihre verführerischen Künste an ihm zu üben, weil er sie fortwährend wieder trifft. Sie wird sich entweder zur Gebieterin ihres Sklaven machen und diesem dadurch jeden eigenen Willen nehmen, oder sie wird ihn geschickt von Orten und Personen fernhalten, die seine Treue in Gefahr bringen könnten, oder sie wird ihm Genüsse anderer Art verschaffen, die ihn so lange beschäftigen und zerstreuen, bis die fleischliche Begierde ihn wieder in ihre Arme zieht. Es kommt hinzu, daß diese frommen Männer und Kirchenfürsten, die vom Stachel des Fleisches gepeinigt werden, viel schneller alt werden und viel früher abgestumpft sind als andere Männer. Man schreibt dieses den Kasteiungen zu, denen sie sich unterwerfen; in Wirklichkeit aber ist es eine Folge der Onanie, der sie sich allzu häufig hingeben, weil es ihnen entweder an Frauen fehlt oder weil sie sich bloßzustellen fürchten. Da es so leicht ist, in der Einsamkeit sich der Onanie hinzugeben, so wird sie leicht zur Gewohnheit und dann bald zu einem Bedürfnis. Hierdurch richtet sie aber großen Schaden an, weil bei einem einzigen onanistischen Akt der Mann mehr Lebenssaft verliert als bei einem mehrfach wiederholten geschlechtlichen Genuß, den er mit einer Frau teilt. Eine weitere Folge ist, daß ein Onanist in den Armen einer Frau sehr schwer zu amüsieren ist: Er ist an alle Abstufungen, an die verschiedensten Nuancen des Genusses gewöhnt, die er nach seinem Belieben verlangsamt oder beschleunigt. Darum braucht er eine Priesterin, die sich selber zu vergessen weiß und sich ihm vollkommen als Opfer anschmiegt: Sie muß sozusagen jede wollüstige Begier seiner Seele erraten, muß sich dem Tempo seiner Bewegungen anpassen und muß sich so stellen können, als ob sie die Verzückung, in die sie ihn versetzt, mit ihm teile und gleichzeitig das Liebesopfer mit ihm vollziehe.

Wie ein gelehrter Geistlicher, ein Mitglied der Akademie der schönen Wissenschaften, mit dem ich einmal zu tun hatte, mir erzählt hat, war diese Kunst im Altertum zur höchsten Raffiniertheit ausgebildet. Nachdem sie in den Zeiten der Unwissenheit und Barbarei verlorengegangen oder jedenfalls tief herabgekommen war, hat sie in unserm Jahrhundert der philosophischen Aufklärung einen Aufschwung gewonnen wie nie zuvor. Nicht weniger als vierzigtausend Sünderinnen betreiben sie in unserer Hauptstadt; aber unter dieser Zahl sind nur wenige, die sich durch vorzügliche Leistungen auszeichnen. Wir finden in dem Laufe eines halben Jahrhunderts kaum mehr als vier, die es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht haben, nämlich Florence und die Paris, die seit mehreren Jahren gestorben sind, deren Ruhm aber noch fortlebt, ferner die Gourdan und die Brisson, die sich in unseren Tagen als Meisterinnen dieser Kunst einen glänzenden Ruf erworben haben und so ziemlich ganz Paris bei sich sehen, vom kleinen Krämer bis zum Prinzen von Geblüt, vom bettelnden Kapuziner bis zur würdevollsten Eminenz.

Die einseitige oder gegenseitige Handarbeit ist besonders bei den würdigen Persönlichkeiten beliebt, die Sie hier sehen werden. Da sie gezwungen sind, ihre Schwächen in das tiefste Geheimnis zu hüllen, so haben sie Angst, durch die unvorsichtige Zeugung eines Kindes oder durch eine häßliche Krankheit, deren Symptome sich nicht gut verbergen lassen, sich vor der Welt bloßzustellen. Dieser letztere Grund bestimmt auch viele Laien, zu diesem Mittel zu greifen, da die Überzeugung allgemein verbreitet ist, daß die Syphilis nur durch die Berührung mit erkrankten Geschlechtsorganen verbreitet wird.

Der Lehrgang der Tribadie, den Sie, meine liebe Sappho, durchgemacht haben, ist für Sie ohne Zweifel eine sehr gute Vorschule für diese neue Kunst gewesen. Allerdings müssen Sie erst in das Theoretische derselben eingeführt werden, denn davon werden Sie bei Ihrem stürmischen jungen Liebhaber nicht viel gelernt haben; ohne Zweifel hat er stets einen schnellen Genuß gesucht und sich bemüht, schnell fertig zu werden, weil er stets bereit war, wieder anzufangen. Hier bei mir werden Sie mit Männern im reiferen Alter zu tun haben, deren Feuer bereits erloschen ist und die ihren Kräften durch die Phantasie nachhelfen müssen.

Vor allen Dingen müssen Sie die Sprache dieses neuen Gewerbes kennenlernen, denn dies ist für Sie von der größten Wichtigkeit, ja geradezu unentbehrlich: Das rechte Wort zur rechten Zeit ist oft wirkungsvoller und stachelt die Sinne lebhafter auf als eine galante Bildersprache mit vielen Umschweifen. Ich will Ihnen jedes Wort erklären, das Sie nicht verstehen, und werde Ihnen hierauf die Anwendung der verschiedenen Kunstmittel unseres Berufes beschreiben.«

Die Erzählerin begann nun, uns ein Wörterverzeichnis mitzuteilen, das für mich vollkommen neu war. Sie begleitete diese Wörter mit so obszönen Erläuterungen, daß ich deren Wiedergabe unterlasse, da ich keine Möglichkeit sehe, sie Ihnen in einer erträglichen Form zu übermitteln. Solche Wörter können in der Glut eines Liebesrausches sehr am Platze sein, aber in einer kühlen Erzählung wirken sie abgeschmackt und sogar abstoßend. Ich wende mich daher zu dem Schlusse der Ansprache, welche Frau Richard an Fräulein Sappho hielt:

»Ein bißchen Übung wird Sie übrigens geschickter machen als die längste Auseinandersetzung. Mit unserm Gewerbe verhält es sich wie mit gewissen Kartenspielen, deren allgemeine Regeln man wissen muß, ohne daß man sich jedoch daran hält. Reversi, Whist, Tre sette lernt man nur am Spieltisch; die Spielweise der Gegner bestimmt das eigene Spiel. Dasselbe gilt von der Kunst der Huren – warum soll ich mich schämen, einen Beruf bei seinem Namen zu nennen, den ich ohne mich zu schämen ausübe? -, es hängt vom Alter, Charakter und Geschmack eines Liebhabers ab, welcher Art die Genüsse sein sollen, die man ihm verschafft. Bei einigen Männern muß man sehr gefügig sein; andere verlangen eine Art von wütender Leidenschaft, um selber in die nötige Stimmung zu geraten. Bei diesem muß man die Zurückhaltende, die Prüde spielen; ein anderer verlangt zärtliche Gefühle und ergeht sich selber gerne in gefühlvollen Redensarten; noch wieder andere verlangen, daß eine Dirne sich als das gibt, was sie ist, und einfach ihr Gewerbe ausübt.«

Nach der Rede wurde eine Ruhepause gemacht, und Herr Clos ließ das Essen auftragen. Der Schluß der Geschichte wurde bis nach Tisch verschoben; aber die Mahlzeit war so fröhlich und Fräulein Sappho so reizend, daß mehrere Gäste lieber mit ihr ein Tête-â-tête haben wollten, anstatt den Rest ihrer Geschichte zu hören.

Um alle zu befriedigen, lud unser Wirt uns ein, noch ein drittes Mal bei ihm zusammenzukommen. Nicht ohne Selbstüberwindung entzog ich mich dieser Gesellschaft liebenswürdiger Lebemänner; aber Fräulein Sappho hatte in mir den Gedanken erweckt, daß eine Ansteckung wohl nicht unmöglich wäre; ich ging daher lieber zu Bett und begnügte mich mit der trügerischen Illusion eines Traumes.

Da bin ich denn nun, Mylord, ganz ohne Absicht in den Roman einer jungen Person hineingeraten, von dem ich nicht geglaubt hätte, daß er so lang sei. Glücklicherweise mißfällt er Ihnen nicht, sondern erscheint Ihnen pikant durch seine Eigentümlichkeit und amüsant durch die besonderen Umstände. Ja, Ihre Philosophie weiß sogar Nutzen daraus zu ziehen. Sie vergleichen die Sittenverderbnis des französischen Babels mit der des englischen Babels, und Sie finden, daß die französische Verderbnis größer ist als die englische, weil infolge des Zölibats die vielen Mönche, Priester, Abbés und Bischöfe zur religiösen Heuchelei gezwungen sind, während Ihre Geistlichkeit im Schoße eines keuschen Ehelebens der Natur den Tribut zollen kann, den jeder Mensch ihr schuldet. Lassen Sie Ihre Bekannten von der Geistlichkeit diese Abenteuer lesen, damit sie ihr Schicksal und den Protestantismus segnen.

Paris, den 11. Januar 1779.

Online ansehen : Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho - 3

P.S.

Mathieu-François Pidansat de Mairobert, Anandria oder Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho, Übertragen ins Deutsche von Heinrich Conrad (1907).



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