Eros-Thanatos Bibliothek der erotischen Literatur: Erotische Geschichten und Texte

Startseite > Erotische Literatur > Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho > Mademoiselle Sappho - 3

Navigation



Anandria

Mademoiselle Sappho - 3

Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho (Drittes Kapitel)


Autor:

Alle Fassungen dieses Artikels:


Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho
Drittes Kapitel

Dieses Mal, Mylord, muß ich die Abenteuer des Fräuleins Sappho zu Ende erzählen. Ich hatte ja schon früher Befürchtungen wegen der Länge der Erzählung und freue mich daher, daß Sie im Gegenteil noch eine Fortsetzung der Geschichte wünschen. Ohne Zweifel wird es eine solche geben, denn das hübsche junge Mädchen ist noch lange nicht am Ende ihrer Laufbahn; aber es ist schon eine ansehnliche Leistung, mit sechzehn Jahren bereits den Stoff zu einem kleinen Bande geliefert zu haben. Wenn sie in diesem Tempo weitermacht, sticht sie sogar die langen Romane der Calprenède aus.

Ich lasse sie also wieder die Bühne betreten; hören Sie zu.

Nachdem sie mir alle diese Lehren gegeben hatte, fuhr Madame Richard fort: »Ich denke, Sie müssen Vertrauen zu meinen Worten haben, oder vielmehr Sie müssen fest überzeugt sein, daß meine Lehren ausgezeichnet sind; denn Sie brauchen mich ja nur anzusehen: Ganz gewiß bin ich nichts weniger als jung; wenn ich nicht so korpulent wäre, würde mein Gesicht voller Runzeln sein; ich bin niemals hübsch gewesen, meine Stirne ist von Pockennarben zerrissen; mein Gesicht und mein Wuchs haben nichts Edles an sich, meine Beine sind dick, Hände und Arme plump. Zu meinen Gunsten kann ich nur dreierlei anführen: Meine Brüste sind noch ziemlich fest, ich habe recht gute Zähne und sehr geile Augen. Ich könnte mich also in keiner Weise mit Ihnen messen, denn ich sehe aus, wie wenn ich Ihre Mutter sein könnte. Und trotzdem sind unter den Leuten, die hierher kommen, nur wenige, die mich nicht Ihnen vorziehen würden, besonders unter den älteren Herren, von denen man doch annehmen möchte, daß sie mehr als andre es nötig haben, sich durch ein hübsches Gesicht und durch Jugendfrische anregen zu lassen. Sie können, wenn Sie wollen, diese Beobachtung schon heute abend machen.«

Richtig klopft es in der Dämmerung an unsere Tür. Ich laufe hin, öffne und sehe einen alten Priester. Mein Anblick bringt ihn anfangs in Verlegenheit: Er schlägt die Augen nieder und fragt in sanftem Ton, ob Frau Richard nicht zu Hause sei. Ich bejahe dies, er tritt ein und fängt an von seinen Bäffchen und Chorhemden zu sprechen. Das war der übliche Vorwand.

Nachdem Frau Richard ihn beruhigt hatte, nahm er Platz und fing an zu plaudern. Bald darauf aber flüsterte er ihr ins Ohr, ich gefiele ihm nicht. Sie gab mir einen Wink, und ich ging hinaus. Oder richtiger: Ich tat nur so und schlüpfte, wie ich es mit ihr verabredet hatte, in ein Kämmerchen hinein, von wo ich alles beobachten konnte. Ich genoß auf diese Art eines Unterrichts, von dem selbst Aretins »Stellungen« keinen Begriff geben können.

Sobald der fremde Herr mich außer Hörweite glaubte, bestätigte er der Richard, was diese mir schon durch ihren Wink angedeutet hatte: daß ich ihm nämlich keine Gefühle einflößen könne und daß er sie selber den entzückendsten Schönheiten vorziehe, weil sie allein das Talent besitze, ihn zum Leben zu erwecken, ihn sein Dasein fühlen zu lassen und ihn wieder zum Manne zu machen. Die Ausdrücke, die er gebrauchte, lauteten anders. Wollen Sie sich von diesen einen Begriff machen, so stellen Sie sich den wüstesten Wachtstubenschwadroneur vor! Ein merkwürdiger Gegensatz zu der frommen Miene, mit der er eingetreten war. Übrigens war seine Gottheit nicht weniger reich an gleichen, wohlklingenden Ausdrücken, die sie mit lauter Stimme hervorsprudelte. Nachdem sie ihn durch dieses Vorspiel und einige Küsse in Stimmung versetzt hatte, befahl sie ihm, sich zu entkleiden. Zugleich zog sie sich selber völlig nackt aus und öffnete dann einen Schrank, woraus sie einen doppelten Panzer aus Roßhaar hervorholte, der mit unzähligen abgerundeten kleinen Stacheln versehen war. Mit diesem Bußwerkzeug, das hier in ein Werkzeug der Wollust verwandelt war, bekleidete sie ihm Brust und Rücken. Nachdem sie die beiden Teile durch Riemen von gleicher Art miteinander verbunden hatte, befestigte sie an dem den Bauch bedeckenden Teil eine eiserne Kette, die sie so zwischen seinen Beinen durchzog, daß der Hodensack in einer Art von Beutel ruhte, der sich in der Mitte der Kette befand. Dieser Beutel war ebenfalls aus Roßhaar, aber so eingerichtet, daß die Hand freien Zugang hatte, um die beiden Wonnespender kitzeln zu können. Die Kette war an dem hinteren Teil des Panzers befestigt. Ich kannte einen solchen Apparat noch nicht und hätte niemals gedacht, daß er so wirksam sei! Aber an der Wirksamkeit konnte ich nicht zweifeln, denn der fromme Priester bekam eine Erektion, wenngleich nur eine recht schwache. Da nahm Frau Richard Ruten und jagte ihn mit tüchtigen Schlägen auf Hinterbacken und Lenden ein paarmal im Zimmer herum. Bei jedem Schritt, den er machte, strömte infolge der Reibungen des Stachelpanzers sein Blut nach den Geschlechtsteilen hin und reizte seine fleischliche Begierde immer mehr an. Trotzdem hatte er noch nicht genug, wie ja auch die berühmten Konvulsionärinnen Schwester Félicité und Schwester Rachel niemals genug kriegen konnten, wenn man sie auch mit den dicksten Knüppeln prügelte. So verlangte auch er immer mehr und tätschelte dabei in geiler Erregung den üppigen Fettkörper der Frau Richard. Durch alle diese Manipulationen kehrte endlich der Tote ins Leben zurück; wenigstens begann er einige Lebenszeichen zu geben. Sobald sie dessen sicher war, legte sie sich mit ihm auf das Bett und kitzelte ihm mit den Fingerspitzen ganz leise die Brustwarzen. Zu diesem Zweck waren nämlich in dem Panzer zwei kleine Löcher eigens angebracht. Schließlich bearbeitete sie dieselben Stellen mit ihrer Zungenspitze, die natürlich ein noch viel wollüstigeres Kitzeln erzeugte. Derartigen Liebkosungen hält selbst eine sehr weit fortgeschrittene Lähmung der Manneskraft nicht stand. Die Zeugungsteile, deren Berührung mit der größten Sorgfalt vermieden wird, werden schließlich so kräftig und so voller Begier nach dem Coitus, daß man entweder diese befriedigen oder einen Ersatz schaffen muß, indem man der Natur durch Reibungen verschiedener Art – je nach dem besonderen Geschmack des »Kunden« – freien Lauf verschafft. Der »Kunde«, den ich sah, liebte vollen Genuß. Aber er verlangte, daß dieser gegenseitig wäre; er wollte sehen, ob er das Glück habe, ebenfalls Gefühle hervorzurufen. Frau Richard, die an diese Laune gewöhnt war, mußte daher Komödie spielen, tiefe Seufzer ausstoßen, Liebesworte stammeln – mit einem Wort: sich den Anschein geben, als sei sie ebenso leidenschaftlich erregt wie er. Zwar war sie wie ein lebendiger Leib mit einem Leichnam vereint; aber das machte ihr nichts aus. Sie spielte ihre Rolle großartig und schien gleichzeitig mit ihm in unbeschreiblicher Geilheit fertig zu werden, von der sie in Wirklichkeit sehr wenig verspürte. Als wir wieder miteinander allein waren, lachten wir herzlich darüber.

Übrigens war für mich diese eine Lektion so viel wert wie hundert; meine Lehrmeisterin bemerkte zu ihrer Überraschung recht bald, wie verständig ich war. Aufs festeste überzeugt, daß ich ihr durchaus nur Ehre machen würde, zögerte Frau Richard nun nicht länger und zeigte mich dem Prälaten, für den sie mich bestimmt hatte. Ja, sie tat sogar etwas, was in solcher Lage selten vorkommt: Sie war überzeugt, daß der Genuß mich Seiner Gnaden nur noch lieber machen würde, und schlug ihm daher vor, erst einen Versuch zu machen. Er war von diesem Versuch so befriedigt, ja entzückt, daß er sich entschloß, mich auszuhalten; denn er glaubte, daß er niemals wieder in einer und derselben Frau so viele jugendliche Reize und so große Geschicklichkeit in allen Künsten der Wollust vereinigt finden würde. Er gab der Vermittlerin einen sehr reichlichen Kupplerlohn, nahm mich mit und setzte mich hinter Schloß und Riegel. Ja, dieser Ausdruck ist nicht zu stark, denn er war eifersüchtig wie ein Tiger. Er gab mir ein entzückendes, kleines Häuschen in der Vorstadt Saint Marceau. Es war außerordentlich gut eingerichtet, überhaupt ein wahres Schmuckkästchen; aber es war gänzlich abgelegen und auf allen Seiten nur von Gärten und Klöstern umgeben. Er erreichte damit einen doppelten Zweck. Erstens entzog er mich dem Umgang, ja sogar dem Anblick der Menschen, zweitens konnte er ohne Ärgernis und ganz geräuschlos und zu jeder ihm passenden Stunde zu mir gelangen. Er wollte nicht einmal einen Dienstboten in meiner Umgebung dulden, vor allem keinen männlichen. Eine Friseuse kam jeden Morgen zu mir, brachte meine Haare in Ordnung und bediente mich.

Eine alte Frau kam zu mir, besorgte das Haus, kochte das Essen und ging nach Tisch wieder fort. Dann kam sie erst abends zu einer bestimmten Stunde wieder, wenn der gnädige Herr nicht bei mir schlief. Ich hatte ihm erklärt, ich hätte zu große Angst und könne nicht die ganze Nacht mutterseelenallein zu Hause sein. Ich befand mich also in viel unangenehmerer Haft als seinerzeit bei Frau de Furiel, und ich glaube, lange hätte kein Mensch eine solche Einsamkeit ertragen können. Aber ich bin, wie es scheint, dazu geschaffen, sonderbare Abenteuer zu erleben, und ein solches Abenteuer warf auch dieses Mal wieder das kaum im Entstehen begriffene Gebäude meines Glücks über den Haufen.

Seine Gnaden der Herr Bischof waren dank ihrer Heuchelei und ihrer vornehmen Geburt schon in jungen Jahren zu ihrem hohen Rang gelangt. Sobald aber dieses Ziel erreicht war, hatte er seinem feurigen Temperament die Zügel schießen lassen. Die Großvikare, die er sich gewählt hatte, waren leichtsinnige junge Lebemänner wie er; sie hatten denselben Geschmack wie er und taugten weniger dazu, ihm bei der Verwaltung seiner Diözese eine Hilfe zu sein als ihm bei seinem wüsten Lebenswandel Gesellschaft zu leisten. Anstatt Sünderinnen zu bekehren, suchten sie im Gegenteil alle Weiber zu verführen, die ihnen gefielen; sie raubten jungen Mädchen die Unschuld, verleiteten Frauen zur Untreue und waren mit einem Wort die Geißel aller Mütter und Ehemänner und der Schrecken der ganzen Gegend. Dieses wüste Leben dauerte so lange, wie Seine Gnaden in diesem Sprengel Bischof waren. Als er später zu einer höheren Prälatenstelle befördert wurde, war er abgestumpft gegen die Freuden der Liebe und von seinen Ausschweifungen entkräftet. Infolgedessen änderte er seine Lebensweise. Der Ehrgeiz erwachte in ihm, und heute strebt er nach den höchsten Würden seines Standes, sogar nach dem Kardinalspurpur. Er hat sich daher in seinen Sitten gebessert, führt ein regelmäßiges Leben und hat ganz im geheimen nur eine einzige Geliebte, um die Bedürfnisse der Natur zu befriedigen, so oft diese sich noch geltend machen. Er hat mir selber gestanden, daß dieses der Grund sei, der ihn bewogen habe, Frau Richard um ihre Vermittlung anzugehen und mich in seinem Lusthäuschen auszuhalten.

Vier von seinen Großvikaren waren damals in Paris; sie waren über diese Veränderung seines Lebenswandels sehr bestürzt und wollten anfangs durchaus nicht daran glauben. Sie witterten irgendein Geheimnis. Um sich hierüber Gewißheit zu verschaffen, beschlossen sie, daß jeder von ihnen für sich Seine Gnaden den Herrn Bischof beobachten solle, um auf diese Weise herauszubringen, was eigentlich los sei. Sie machten ab, daß der erste, der etwas entdecken werde, sofort den andern Bescheid geben solle. Einer von ihnen kannte einen Polizeigefreiten. Wer Geld hat, erreicht, was er will. Bald hatte er sämtliche Spitzel in seinem Dienst; sie spürten mein Versteck auf und erzählten ihm meine ganze Geschichte. Er rief nun seine Freunde zusammen, die über seine Schlauheit und seine Kenntnisse sehr erstaunt waren; auch freuten sie sich sehr, daß ihre Vermutungen richtig gewesen waren. Um also den Herrn Bischof für seine Heuchelei zu strafen, kamen sie überein, daß sie ihm seine Geliebte abspenstig machen oder doch mindestens ihren Besitz mit ihm teilen müßten. Aber wer sollte der Glückliche sein? Was man nicht kennt, kann man nicht wünschen; zunächst galt es, bei der Schönen sich Einlaß zu verschaffen, um zu sehen, ob sie wirklich des Lobes würdig wäre, womit man von ihr spräche. Hierauf sollte ein jeder sein Heil bei ihr versuchen, wie sein Herz es ihm eingäbe. Diese Gottesmänner versäumten allerdings oft den Dienst des Altars um des Frauendienstes willen; sie waren Schürzenjäger und trieben sich in schlechten Häusern herum. Trotzdem hielten sie aber noch so viel auf sich, daß sie Rücksicht auf ihr geistliches Gewand nahmen. Infolgedessen kleideten sie sich als Kavaliere. Diese Verkleidung war gerade in dem vorliegenden Falle sehr angebracht, da sie nichts zu befürchten brauchten, selbst wenn ich dem Bischof alles gesagt hätte; denn er wäre durch ihre weltliche Kleidung auf eine falsche Spur gebracht worden. Als sie eines Tages bestimmt wußten, daß der Herr Erzbischof in Versailles war und nicht so bald nach Hause kommen würde, fuhren sie in einer Kutsche bei meiner Tür vor. Ich bekam einen Schreck, als ich sie aussteigen sah; der Anblick von vier vornehmen jungen Kavalieren, von denen ich keinen einzigen kannte, schüchterte mich ein. Ich fürchtete, sie würden Lärm schlagen, und war daher gezwungen, sie sehr höflich und freundlich aufzunehmen. Zwar beruhigte ich mich bald, aber ich geriet in eine viel größere Verlegenheit, als sie mir meine ganze Geschichte erzählten, und besonders, als sie mir sagten, wer mein freigiebiger Freund war. Ich konnte ihnen nichts weiter sagen und mußte meinen hohen Standpunkt verlassen. Bald nahm die Unterhaltung eine fröhliche und scherzhafte Wendung: Sie schlugen mir vor, Seine Gnaden, dessen Unvermögen ihnen bekannt sei, bei mir zu vertreten, und baten mich, meine Wahl unter ihnen zu treffen. Am liebsten hätte ich sie alle vier beim Worte genommen, und zwar auf der Stelle; aber solchen fremden Herren gegenüber mußte ich zurückhaltend sein. Trotzdem beschloß ich, meine Laune zu befriedigen; nur sollte dies auf eine geschickte Art geschehen. Während wir miteinander lachten und schäkerten, nahm ich einen nach dem andern beiseite und gab jedem für sich ein Stelldichein, indem ich ihn zugleich bat, seinen Freunden gegenüber verschwiegen zu sein. Mehr als auf mein Verbot, etwas zu sagen, rechnete ich allerdings auf ihre Eitelkeit; zum mindesten würden sie schweigen, bis sie ihren Genuß gehabt hätten, und dies genügte mir. Wirklich dachte jeder von ihnen, es sei besser, erst das Abenteuer zu Ende zu führen, ehe er sich damit brüstete; jeder lachte innerlich seine angeführten Kameraden aus und rühmte auf der Heimfahrt mein anständiges Benehmen, das er nicht zu finden erwartet hätte. Jeder stellte mich als einen Tugenddrachen dar, an den nicht heranzukommen wäre, als eine Erscheinung, die unter Courtisanen einzig in ihrer Art wäre.

Um über die Talente der galanten Herren, unter denen ich einen Coadjutor für den gnädigen Herrn aussuchen sollte, besser urteilen zu können, hatte ich sie alle auf den gleichen Abend bestellt, und zwar den einen immer eine Stunde später als den andern. Der erste sollte um sieben Uhr kommen, der zweite um acht, der dritte um neun und der letzte um zehn Uhr. Der Prälat, der regelmäßig in seinem Bischofspalast zu Abend speiste, konnte mich niemals vor elf überraschen; ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß er auch an diesem Abend pünktlich zur gewohnten Stunde erscheinen würde, und war daher vollkommen ruhig.

Mit dem Glockenschlage sieben kam der erste, ein Blonder mit sehr hübschem Gesicht, der im liebenswürdigsten Ton sehr verführerisch zu sprechen wußte. Er war sehr auf Liebkosungen erpicht und hielt sich lange bei den Vorspielen auf; da er nicht imstande war, den Genuß zu wiederholen, so verlängerte er ihn, so sehr es ihm nur möglich war. Kaum war er fertig, so klingelte es. Ich hatte diesen Fall vorausgesehen, und es war mir sogar viel angenehmer, als wenn die Freunde einander unterwegs getroffen und erkannt hätten; das hätte ja zu Unannehmlichkeiten für mich führen können. Ich führte also den ersten, sobald er fertig war, in ein Kabinettchen, das durch eine kleine Tapetentür auch mit meinem Vorzimmer in Verbindung stand. Ich zeigte ihm, wie er hinter einer spanischen Wand, die zu diesem Zweck sehr bequem aufgestellt war, sich nach der Treppe schleichen konnte. Hierauf öffnete ich und gab dem zweiten, als ich ihn einließ, einen Wink, er möchte recht leise sein. Ich führte ihn in mein Zimmer und sagte ihm dort flüsternd, warum es so geheimnisvoll zugehen müßte; ich hätte nämlich große Angst, irgendein Spion Seiner Gnaden könnte ihn verfolgt und auf der Treppe gesehen haben. Ich ging hinaus, wie wenn ich nachsehen wollte, ob dieser Verdacht begründet wäre; in Wirklichkeit aber wollte ich nur seinem Vorgänger behilflich sein, falls dieser etwa noch nicht fort sein sollte. Als ich aber hörte, wie die Tür wieder geschlossen wurde, da bezweifelte ich nicht mehr, daß er draußen wäre, und ging in mein Zimmer zurück. Aber es verhielt sich ganz anders! Mein ebenso unverschämter wie neugieriger Liebhaber hatte allerdings die Tür zugeschlagen, aber – von innen! Er hatte sich nach seinem Versteck zurückbegeben, um sich den Prälaten bei der Arbeit anzusehen und seinen Spaß daran zu haben.

Seine Neugierde verdoppelte sich, als er einen Zipfel des Vorhanges zurückschob und anstatt eines Erzbischofs einen Kavalier sah. Bald darauf erkannte er die Stimme seines Kameraden, und nun fiel es ihm natürlich erst recht nicht ein, in einem so schönen Augenblick seinen Beobachtungsposten zu verlassen. Sein Kamerad war ein Schwarzkopf – ziemlich häßlich, aber kräftig gebaut, lauter Sehnen und Muskeln. Er war im kräftigsten Mannesalter und hatte es eilig, an die Arbeit zu gehen, weil er sich kräftig genug fühlte, sie noch einmal zu wiederholen. Zweimal, dreimal, viermal ließ er mich die höchste Wonne genießen, und er hätte wohl überhaupt nicht aufgehört, wenn ich nicht aus Vorsicht ihm schließlich Einhalt geboten hätte. Endlich gab er sich zufrieden, aber erst, als ich ihm ganz bestimmt ein zweites Stelldichein versprochen hatte. Ich hatte die feste Absicht, ihm Wort zu halten, denn mir mußte ebenso viel und sogar noch mehr daran liegen als ihm. Leider sprengten die Umstände unser Verhältnis und beraubten mich eines Herkules, wie man ihn heutzutage selten und eigentlich nur unter den Männern der Kirche findet.

Kurz und gut, zur bestimmten Stunde, also um neun Uhr, mußten wir uns trennen, denn der dritte erschien. Unter denselben Vorsichtsmaßregeln ließ ich heimlich den zweiten Liebhaber hinaus, um ihn eifersüchtigen Blicken zu entziehen und ihm zu ermöglichen, ohne alles Aufsehen das Haus zu verlassen. Alles ging wie beim ersten Mal, nur mit dem Unterschied, daß der zweite zu seiner höchsten Überraschung im Kämmerchen einen Nebenbuhler fand. Zum Glück wußte dieser ihn sofort zu beruhigen, indem er sich zu erkennen gab und ihm erzählte, wie er in das Kabinett gelangt war. Er bat ihn, zu bleiben und mit ihm zusammen die weitere Entwicklung des schnurrigen Abenteuers sich anzusehen.

Ich habe Ihnen die Porträts der beiden ersten Liebhaber gezeichnet, und Sie wissen daher, wie sehr sie voneinander verschieden waren. Der dritte war ein noch seltsameres Original. Bei ihm war die Eitelkeit größer als der Liebesdrang: Er setzte einen besonderen Stolz darein, die Liste seiner Eroberungen zu vergrößern. Er trug dieses Verzeichnis stets bei sich und zeigte es mir. Da sah ich denn die Namen von adeligen und bürgerlichen Damen und von den berühmtesten Schönheiten der Finanzaristokratie. Er versicherte mir, er sei durch seine Erfolge auf diesem Gebiet völlig abgestumpft und mache sich nichts mehr aus den sogenannten anständigen Frauen. Die meisten von ihnen seien ganz temperamentlos und hätten nur darum einen Liebhaber, weil die Mode es so mit sich brächte und weil eben alle anderen es auch so machten. Bei ihnen seien nur sehr fade Genüsse zu holen; darum tue man besser, sich an Dirnen zu halten.

Diese schmeichelhaften Bemerkungen stachelten meinen Ehrgeiz an. Ich bot ihm zuliebe alle Buhlkünste auf, die meine Lehrmeisterin mir beigebracht hatte, und er gab denn auch schließlich zu, daß ich es famos verstände, einen Mann zu amüsieren. Für mich war es eine ziemlich lästige Arbeit; aber da er anständig gegen mich war, so betrachtete ich es als meine Pflicht, ihn zufriedenzustellen – freilich mit dem Vorbehalt, daß es das letzte Mal sein solle. Dem wollüstigen Herrn war von Mädchen meinesgleichen, denen er sein Vertrauen geschenkt hatte, mehrere Male gar arg mitgespielt worden, infolgedessen hielt er sich an alle möglichen Kunstgriffe und begnügte sich mit Scheingenüssen, weil er Angst hatte, daß die Wirklichkeit ihm zu herbe Früchte zeitigen möchte.

Eitel und spottsüchtig, wie er war, machte er sich während der ganzen Zeit über seine Kameraden lustig, die er angeführt zu haben glaubte. Er wußte nicht, daß zwei von ihnen jedes Wort hörten und daß sie mit besserem Recht über ihn lachen konnten. Als der vierte kam, mußte ich ihn auf dieselbe Weise wie seine beiden Vorgänger hinauslassen, und er machte wohl ein sehr dummes Gesicht, als er plötzlich mit ihnen zusammenstieß. Aber seine Neugierde war größer als sein Ärger, und alle drei drängten sich einträchtig in ihrem Versteck zusammen, denn sie zweifelten nun nicht mehr daran, daß auch der vierte ihr Kamerad sei.

In metaphysischen Dingen, ja auch in physischen, gibt es bekanntlich so viele Meinungen, wie es Köpfe gibt. Von der Liebe könnte man dasselbe sagen: So viel Männer, so viel Geschmacksrichtungen. Der letzte, den ich mir zum Beschluß vorbehalten hatte, weil ich von ihm am meisten erwartete, war ein Provenzale. Leider hatte er einen für uns Frauen höchst unangenehmen Geschmack schon von der Schule her; im Seminar war dieser Geschmack immer stärker geworden und auch später, als er sich den wildesten Ausschweifungen mit Frauen hingab, hatte er ihn niemals verloren. In meinen Erwartungen hatte ich mich durchaus nicht getäuscht; er sah ganz wie ein Satyr aus, und seine Geschlechtsteile waren wirklich ungeheuerlich, so versprach ich mir denn Wunderdinge. Nachdem er mich von allen Seiten betrachtet hatte, machte er mir ein wirklich sehr galantes Kompliment. Er sagte nämlich, neben der »Venus mit dem schönen Hintern« habe man sicherlich etwas so Göttliches nicht gesehen.

Ich begriff ihn sofort und warf ihm die Verderbtheit seines Geschmackes vor; er führte zu seiner Rechtfertigung einen Spruch an, den man oft in liederlichen Häusern hört: »An der Frau ist alles Loch!«

Er fügte jedoch hinzu, daß er die Autorität der bedeutendsten geistlichen Schriftsteller anführen könne [1]. Er kam mir sehr scherzhaft vor. Daß ein Offizier solche Autoritäten zitierte, und noch dazu mir! Hierauf erklärte ich ihm, sein Glied sei so ungeheuer groß; es werde mir die fürchterlichsten Schmerzen verursachen. Zu meiner Beruhigung führte er ein provenzalisches Sprichwort an, wonach man mit Geduld und Spucke alles machen kann. Ich wurde neugierig, oh der Mann wirklich einen Genuß dabei habe und ob er imstande sei, diesen dem mitwirkenden Teil zu vermitteln.

Er benahm sich als gescheiter Mann, der so etwas nicht zum erstenmal machte. Er war entzückt und schwamm in einem Meer von Wonnen. Aber während er vor Wollust ganz außer sich war, empfand ich nur Begierden und unnütze Erregungen. Ich wollte mich von ihm losmachen, aber alle meine Anstrengungen hatten nur die Wirkung, ihn tiefer in mich eindringen zu lassen. Der unersättliche Priap wich nicht vom Fleck und wiederholte das Opfer einmal über das andere.

Endlich benutzte ich eine kleine Ruhepause, um ihn von mir abzuschütteln. Ich gab ihm die Namen, die er verdiente, verfluchte ihn wegen des Mißbrauchs, den er mit seinen schönen Gaben trieb, und erklärte ihm rund heraus, daß in Zukunft meine Tür ihm verschlossen sein werde.

Unser Wortwechsel dauerte noch fort, als der gnädige Herr kam, um diesen ereignisvollen Tag zu beschließen. Ich mußte den unverschämten Kavalier Nummer vier mit einer liebenswürdigen Aufmerksamkeit behandeln, wie wenn er mein bevorzugter Liebhaber gewesen wäre. Da ich keine Zeit gehabt hatte, meine Kleider wieder in Ordnung zu bringen, so bediente er mich; als die Unordnung, woran er schuld hatte, ein wenig beseitigt war, zeigte ich ihm den Ausgang und eilte zu meinem Prälaten. Ein vornehmer Herr, der ein Mädchen aushält, liebt es nicht, wenn man ihn warten läßt. Kein Wunder also, daß mein Prälat verdrießlich war und daß seine schlechte Laune sich in heftigen Vorwürfen Luft machte. Wenn eine Frau im Unrecht ist, macht sie gewöhnlich nur um so mehr Geschrei. Das tat ich denn auch, und zwar so wirkungsvoll, daß er genötigt war, sich zu mäßigen. Er wollte mich liebkosen, ich aber stieß ihn zurück und fing nun meinerseits an, mich darüber zu beklagen, daß er mich wie eine Sklavin halte. »Sie kennen die Frauen nicht!« rief ich ihm zu. »Sie müßten wissen, daß wir durch Hindernisse nur gereizt werden und daß kein Schloß und kein Gitter den Wünschen einer verliebten Frau zu widerstehen vermag. Mögen Sie mich auch im engsten Gewahrsam halten – wenn ich es mir in den Kopf gesetzt hätte, Sie zum Hahnrei zu machen, so wären Sie es an einem Tage viermal für einmal.« Ich sprach diese Worte in lautem, zornigem Ton; die Herren im Kabinett hörten sie, und es ergriff sie darauf eine so unbändige Lachlust, daß sie nicht an sich halten konnten.

Denken Sie sich mein Erstaunen und die Angst des Prälaten! Er bildete sich ein, es sei eine Verschwörung gegen ihn im Werke – hinter der Tapetentür wären Halsabschneider verborgen, die ihn ausrauben wollten. Er verlor völlig den Kopf und rannte zur Tür hinaus, um zu fliehen. Einen Augenblick stand ich bewegungslos da; dann aber ergriff ich eine Kerze und untersuchte das Kabinett. Es war niemand darin, aber der Gang, der nach dem Vorzimmer führte, war offen. Ich eilte auf diesem Wege den Verrätern nach und sah vor mir ein Schauspiel, wie man es grotesker sich kaum vorstellen kann: Der Herr Erzbischof und seine Großvikare trafen in demselben Augenblick vor der Tür zusammen. Ihr Anblick bestärkte ihn in seinem Verdacht, daß man ihm an den Kragen wolle. Er warf sich vor den vermeintlichen Mördern auf die Knie, bot ihnen seine Börse an und bat sie, ihm das Leben zu schenken. Aus vollem Halse lachend, hoben sie ihn auf, indem sie ihm sagten, eigentlich sei es ihre Pflicht, vor ihm auf die Knie zu fallen; sie seien von dem größten Diensteifer und von der größten Hochachtung vor ihm erfüllt. Er möge ihnen diesen Eulenspiegelstreich verzeihen; sie hätten ihn angeführt, weil er selber früher ihnen das Beispiel dazu gegeben und sich manchmal an ihren losen Streichen beteiligt habe. Übrigens sei dieses Abenteuer für ihn sehr glücklich abgelaufen, denn es habe ihm die Binde von den Augen genommen und zeige ihm, wie falsch das Mädchen sei, das er mit Wohltaten überhäuft habe. Sie mache sich über ihn lustig und betrüge ihn auf die niederträchtigste Weise.

In diesem Augenblick trat ich unter sie und erkannte in den maskierten Herren, die mich so freundlich schilderten, meine vier Liebhaber. Der Erzbischof hatte sich ein wenig von seiner Angst erholt; bei dem Scheine der von mir mitgebrachten Kerze erkannte er seine Freunde trotz ihrer Verkleidung. Nachdem er nun wußte, mit wem er es zu tun hatte, wandte sein ganzer Zorn sich gegen mich: Er überhäufte mich mit Vorwürfen und Beschimpfungen, in die die vier andern einstimmten. Ich wußte nicht, was ich tun und was ich diesen Pfaffen antworten sollte. Plötzlich bemerkte ich, daß die Haustüre offenstand; ich stürzte hinaus und lief auf die Straße. Ohne zu wissen, wohin ich wollte, lief ich nur immer geradeaus; endlich aber begegnete mir ein Fiaker, ich stieg ein und ließ mich zu Frau Gourdan fahren, denn deren Haus betrachtete ich immer noch als meinen Zufluchtsort in der Not. Sie erkannte mich, ließ mich ein und veranlaßte mich, ihr meine Geschichte zu erzählen. Als sie aber diese gehört hatte, sagte sie, man dürfe die Flinte nicht ins Korn werfen und ich müsse gleich am nächsten Morgen wieder nach Hause gehen. Ich tat dies. An dem Hause befand sich ein Schild mit der Inschrift: »Dieses Haus ist sofort zu vermieten.« Ich ging hinein und fand weiter nichts als die leeren vier Wände und meine Aufwartefrau, die mir sagte, sie habe den Auftrag, sich den ganzen Tag in dem Hause aufzuhalten, um es den Mietlustigen zu zeigen. In aller Frühe schon sei der Hauswirt bezahlt worden, und es sei ein Tapezierer gekommen, um die von ihm gemieteten Möbel abzuholen.

Ich fuhr wieder zu Mama und erzählte ihr die Gemeinheit des Prälaten. Sie riet mir, an ihn zu schreiben, und diktierte mir einen sehr kräftigen Brief. Um sich nicht bloßzustellen, antwortete er nicht darauf, aber er schickte meine frühere Aufwärterin zu mir, damit sie mir in seinem Auftrage erkläre, er werde mich in die Salpétrière einsperren lassen, wenn ich es mir sollte einfallen lassen, den Skandal zu machen, womit ich ihn bedrohte.

Um mich vor einem Unglück solcher Art zu schützen, veranlaßte Frau Gourdan durch ihre hohen Gönner, daß ich als überzählige Ballettschülerin bei der Großen Oper angenommen wurde. Später rief sie die Vermittlung mehrerer mit ihr befreundeter Prälaten an, die denn auch wirklich mit meinem Erzbischof verhandelten. Es war eine umständliche Geschichte, denn er war wütend und wollte sich auf nichts einlassen. Als es aber endlich sicher war, daß ich schwanger sei, führte man ihm diesen Umstand so eindringlich zu Gemüte, daß er mir hundert Louis schickte. Diese nahm allerdings Frau Gourdan an sich, unter dem Vorwande, daß sie davon meinen Unterhalt und die Kosten meiner Entbindung bestreiten werde. Übrigens sind wir die besten Freundinnen von der Welt, sie nennt mich ihr liebes Kind, und ich bringe ihr viel Geld ein, wovon sie mir nur einen sehr kleinen Teil abgibt; aber sie sagt, ich solle nur erst meiner Bürde wieder ledig sein, dann werde sie mir einen guten reichen Freund verschaffen und mich zum drittenmal auf den Weg des Glückes bringen. Ich hoffe, dieses dritte Mal werde ich besser fahren! Wehe den Dummköpfen, die in meine Netze geraten.

Damit schloß Fräulein Sappho ihren Bericht.

O Mylord! Ist es möglich, in so jugendlichem Alter so gut und so verdorben zu sein, so einfältig und so verrucht, so liebevoll und so abgefeimt?

Paris, den 11. Februar 1779.

Online ansehen : Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho - 1

P.S.

Mathieu-François Pidansat de Mairobert, Anandria oder Die Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho, Übertragen ins Deutsche von Heinrich Conrad (1907).

Anmerkungen

[1Unter anderen das Werk des Jesuiten Sanchez »De Matrimonio«.



 RSS 2.0 | Mode texte | Sitemap | Notice légale | Contact
Psychanalyse Paris | Psychanalyste Paris | Annuaire Psychanalystes Paris | Annuaire Psychanalyste Paris | Blogs Psychanalyse Paris