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Aus den Memoiren einer Sängerin

Memoiren einer Sängerin 16

Erotischer Roman (Kapitel XVI)


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Alle Fassungen dieses Artikels:

Wilhelmine Schröder-Devrient, Aus den Memoiren einer Saengerin, Verlagsbureau, Altona, tome I, 1862 ; tome II, 1870.


XVI

Im vorhergehenden Abschnitte hatte ich erwähnt, daß wir – Sarolta und ich – uns vorgenommen hatten, nach London zu reisen, um dort aufzutreten. Ich hatte in Paris ziemlich mäßig gelebt. Ich war vorsichtig in den Liebesgenüssen und versäumte niemals, eines der Feuerversicherungsmittel zu gebrauchen, von denen ich weiter oben gesprochen habe.

Ehe ich über meinen zweijährigen Aufenthalt in London spreche, darf ich nicht vergessen, den Mann zu erwähnen, der mich ohne Ihren Beistand, mein teurer Freund, beinahe zugrunde gerichtet hätte. Ich habe Ihnen mündlich alles gebeichtet, und es ist vielleicht nicht notwendig, daß ich es auch schriftlich tue. Niemals habe ich einen Menschen von so eiserner Beharrlichkeit gesehen. Etwa drei Monate nach meiner Ankunft in Paris ward ich mit ihm bekannt, er stand im Rufe, der rößte Roué der Seinehauptstadt zu sein, und ich wies ihn stets mit äußerster Kälte zurück. Trotzdem verfolgte er mich überall hin, selbst nach London, wo er stets in der Nähe meiner Wohnung sich einnistete, indem er beinahe immer mir gegenüber sein Logis hatte. Eine solche Beharrlichkeit hielt ich anfangs für Tollheit, später für unbegrenzte Liebe, bis ich zu meinem Unglück zu wissen bekam, daß es nichts als Eitelkeit und Rachegefühl war; da war es aber schon zu spät. Ich will nichts mehr von ihm sagen; sein Andenken ist mir ebenso verhaßt, wie ich ihn sonst liebte, ehe er an mir jene doppelte Treulosigkeit beging, indem er mich gleichzeitig zur Vernachlässigung meiner gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln verführte und mich sogar ansteckte. In London durfte er es nicht wagen, mich auffällig zu verfolgen, dort konnte ich den Beistand der Polizei gegen ihn in Anspruch nehmen, und er wagte es nicht, mich in jener Weise anzugreifen, wie er es später in einem anderen Lande und unter anderen Verhältnissen tat.

Sarolta und ich nahmen eine sehr hübsche Wohnung in Saint Johns Wood, also in unmittelbarer Nähe des Regentsquares. Es war zu Anfang der Londoner Opposition. Das Wetter ist in London im Monat April am schönsten und so beständig, daß man hier lieber einem jeden andern Monat den Vorwurf der Veränderlichkeit machen könnte. Außer dem Regentspark, welcher der ganzen Welt zum Spazierplatze dient, hatte unser Cottage auch noch einen ganz eingeschlossenen Extragarten mit ein paar Obstbäumen, einer Geißblattlaube und sehr gut gehaltenen Kieswegen, wo wir die Morgenstunden zuzubringen pflegten und gewöhnlich auch unser Frühstück, das sogenannte Lunceon, einnahmen. Zuweilen aber blieben wir oben in unserem Hinterzimmer, welches die Aussicht über die Mauer hinaus auf den Regentspark bot. Von meiner Schlafstube hatte ich eine perspektivische Ansicht des ganzen Parkes und eines Teiles von St. Johns Wood.

Eines Morgens war Sarolta zu mir auf meine Schlafstube gekommen; die Fenster standen offen, ein paar Rotkehlchen zwitscherten auf dem Fensterbrette und pickten an dem Kuchen, den ich für sie dahin gelegt hatte. Sie waren so zahm und heimisch geworden, daß sie Sarolta auf den Nacken sprangen und ihr kleine Krümchen Backwerk aus dem Munde nahmen, oder auf meine Kopfkissen flogen und umhersuchten, ob es nicht etwas zum Naschen gäbe. Eine schwache Brise bewegte das Laub und die Bäume, der wollüstige Duft des Flieders drang in mein Gemach. Ich sprang in einem Hemd, nur ein leichtes Tuch über meinen Nacken geworfen, aus dem Bette und lehnte mich an Saroltas Seite zum Fenster hinaus.

»Sieh nur«, rief mir Sarolta zu, »ist das nicht sonderbar, ein so elegant gekleideter Herr mit fünf oder sechs zerlumpten Kindern?«

Damit wies sie mit dem Finger nach einer Baumpartie im Regentsparke.

Ich blickte dahin, und sah einen Herrn auf eine Entfernung von einer englischen Viertelmeile, welcher zwei barfüßige Mädchen an der Hand führte und nach einem Platze ging, der mir sehr bekannt. Es war der verborgenste im ganzen Regentsparke, eine kleine Lichtung, ringsum mit dichtem Gesträuch umgeben. Wie ein Blitzstrahl fuhr es mir durch das Gehirn, es könnte ein alter Wüstling sein, der die Kinder zu unzüchtigen Handlungen verleiten wollte, wie dies hier nichts Seltenes ist.

In diesem Augenblick ging eben ein Polizeimann auf dem Wege hinter unserer Gartenmauer vorüber; ich rief ihm zu und sagte ihm, was ich gesehen; er möchte dahingehen und nachsehen, was der Mensch mit den Kindern vorhabe. Der Polizeimann beschleunigte seine Schritte, und wir erblickten ihn bald am Rande des eingeschlossenen Platzes, und wie er dann im Gebüsch verschwand und einige Minuten dort blieb. Nach einer Weile trat er mit dem Herrn, dessen Toilette etwas in Unordnung war, aus dem Gebüsche. Ich hatte mein Fernrohr hervorgeholt und konnte alles, was dort vorging, genau sehen. Der Polizeimann stritt mit dem Herrn, und rundherum standen die kleinen Mädchen, Kinder von 5–10 Jahren, auch sie sprachen und gestikulierten heftig. Eins von ihnen ging auf das kleinste Mädchen zu, deutete auf den Arrestanten und hob des Kindes Röckchen beinahe bis an den Bauch in die Höhe. Sie würde mit ihren Beweisführungen vielleicht noch deutlicher geworden sein, hätte der Polizeimann nicht gewinkt, daß dies genüge. Mehrere Spaziergänger hielten an und drängten sich näher an die Gruppe, wir vernahmen auch wirre Rufe, wie »take him in charge« (arretiert ihn) u. dergl. Und der elegante Herr mußte dem Polizeimanne folgen. Noch ein zweiter Polizist kam dazu, und man führte ihn nach der Polizeistation, ich glaube irgendwo in Marylebone.

Einige Tage darauf lasen wir die Polizeiberichte in der Times und fanden darunter den Herrn, den wir im Regentsparke gesehen, vor dem Friedensrichter, der ihn vor die Assisen verwies. Der Polizeimann, der ihn arretiert, und die kleinen Mädchen, die er zur Unzucht verführen wollte, traten als Zeugen gegen ihn auf. Der Fall war interessant genug, daß wir uns Plätze sicherten. Es war sehr pikant, was die Mädchen aussagten. Der Kaufmann, denn das war dieser Mensch, hatte nichts anderes getan, als die Mädchen entblößt; er ließ sie sich im Grase niederlegen und leckte an ihren kleinen Muschelchen, eine mußte ihm sogar in den Mund pissen, dafür erhielt sie auch doppelt soviel von ihm als die übrigen, nämlich zwei Schillinge. Obschon die Sache ziemlich klar und erwiesen war, wurde der Angeschuldigte von den Geschworenen dennoch nicht schuldig befunden und kam mit einem derben Verweis des Richters los.

Die englischen Gesetze, die Gerichte und überhaupt das ganze Publikum sind manchmal sehr nachsichtig in solchen Fällen, was sich mit der gerühmten Unparteilichkeit und Gerechtigkeitsliebe dieser Nation kaum reimen läßt. Ein Angeschuldigter wird manchmal wegen einer Kleinigkeit zu einer viel härteren Strafe verurteilt, als wenn ein anderer weiß der Himmel was begangen hätte. Ich entsinne mich mehrerer solcher Fälle, bei welchen ich ganz anders geurteilt haben würde als die englischen Gerichte. Es war einer meiner gewöhnlichen Zeitvertreibe, die Polizeiberichte zu lesen, namentlich die Vergehen gegen die Sittlichkeit. Die Engländer haben eine eigene Manier, sich bei den Frauen einschmeicheln zu wollen, indem sie sich auf unschickliche Weise entblößen und den Frauen ihr Szepter zeigen. Es war manchmal wirklich zum Lachen. Ein junger Engländer stellte sich ganz nackt vor die Tochter seiner Hauswirtin, als sie eben zu ihm hinaufging, um sein Bett zu machen. Ein junger Franzose kam eines Abends etwas benebelt nach Hause und raubte der Tochter seiner Hauswirtin einen Kuß; er wurde dafür auf sechs Wochen nach der Tretmühle geschickt. Eine gar zu harte Strafe für einen Kuß!

Am nachsichtigsten sind aber die Gerichte und das Publikum gegen Geistliche. Ein solcher hatte zwei Mädchen bei sich in Kost und Wohnung. Er verleitete sie dann zu allerhand unzüchtigen Handlungen, nahm sie zu sich ins Bett, spielte an ihren Muscheln, gab ihnen sein Zeugungsglied in die Hand usw. und wurde von den Geschworenen zur Zuchthausstrafe verurteilt. Der Erzbischof von Canterbury und die ganze übrige Geistlichkeit nahmen sich des Verurteilten an, bis sein Prozeß erneuert wurde. Man vernahm die beiden Kinder, die ältere 12, die jüngere 7 Jahre alt. Die ihnen gestellten Fragen verwirrten die armen Geschöpfe derart, daß die ganze Schuld auf sie gewälzt wurde. Als ob es möglich wäre, daß zwei solcher Kinder einen ältlichen Mann zur Unzucht verleiten könnten! Dennoch wurden diese Kinder als dieses Vergehens schuldig nach der Besserungsanstalt zu Holloway abgeführt, der wirklich Schuldige aber, der Reverend Hatchet, von jeder Schuld freigesprochen, ja man betrachtete ihn dafür, daß er einige Wochen im Zuchthaus gesessen, wie einen Märtyrer, man veranstaltete Geldsammlungen für ihn, und er erhielt sogar eine gute Pfründe.

Sie kennen doch meine Ansichten über diesen Punkt, über das, was man Unzucht nennt. Sie wissen, daß ich mit der laut ausgesprochenen Meinung der großen Menge nicht übereinstimme. Ich glaube nämlich, daß es jedermann, Mann oder Weib, freisteht, mit seinem Körper nach Belieben zu verfügen, wenn dies einem andern keinen Schaden verursacht. Gewalt aber oder Verführung durch Versprechen, Aufreizung der Sinne, narkotische oder betäubende Mittel, die den Gegenstand der Verführung zu einer willenlosen Maschine machen, halte ich für sehr strafbar und so sehr und so oft ich Liebe und jede Gattung von Wollust genossen, so kann ich mir doch nicht den Vorwurf machen, daß ich jemals eine Person zu derartigen Handlungen verführt hätte. Ich habe Ihnen die Art und Weise erzählt, wie ich Rosa zu meiner Geliebten machte, sie ist es auch jetzt noch. Ein solcher Umgang wird aber nicht einmal von den Gesetzen geahndet.

Überhaupt sind die Gesetze manchmal nichts anderes, als der Ausfluß der Laune und ein Werkzeug der Willkür und einer gewissen Eingenommenheit für und gegen einen Menschen. Dies hat auch ein anderer Fall bewiesen. Ein Arzt, der ein anatomisches Museum besaß und sich dadurch viel erwarb, ward von einem Groom angeklagt, er hätte ihn verführen wollen. Der Arzt hatte dem Burschen dafür Geld versprochen, und dieser drohte ihm mit einer Anklage; wenn er sich auch eines Vergehens schuldig gemacht hätte, so doch der Arzt ebenso, da er ihn schänden wollte. Dennoch geschah dem letzteren nichts, der Bursche aber wurde zu lebenslänglicher Deportation verureilt.

Während meines dreijährigen Aufenthaltes in London – denn obschon ich mich anfangs nur auf zwei Jahre verpflichtet hatte, so gefiel es mir so gut, daß ich selber Schritte tat, um noch ein Jahr länger hier engagiert zu sein – kamen in den Zeitungen mehrere Fälle vor, die es nur zu klar bewiesen, daß die Menschen sich überall gleich sind, daß die Begierden hier wie überall den Menschen zum Begehen der lasterhaften Handlungen treibe, so daß der gewöhnliche geschlechtliche Genuß, ja selbst derjenige zwischen Personen einerlei Geschlechts im Vergleich mit raffinierten, aus krankhaften Gelüsten entstehenden unzüchtigen Handlungen ganz natürlich und verhältnismäßig unschuldig erscheinen muß.

So wie in Frankreich, in Italien, ja wahrscheinlich auch in Deutschland, so werden in London die größten Verbrechen und Schändlichkeiten aus Wollust verübt. In London stand ein Polizeimann vor Gericht, weil er mit einer Eselin Unzucht getrieben. Er wurde aber nur wegen des Skandals und ziemlich leicht bestraft. Die Bestialität selbst blieb unbestraft.

Der schrecklichste Fall war aber jener eines jungen Italieners namens Lanni mit einer französischen Lustdirne. Er hatte diese während des Beischlafes, und zwar im Momente der höchsten Wollust, während der beiderseitigen Ergießung, mit den Händen erdrosselt, um dann noch mit dem Leichnam die Unzucht fortsetzen zu können. Mir haben einige englische Rechtsgelehrte gesagt, daß, wenn Lanni diese Person nach vollbrachter Tat nicht noch obendrein ausgeraubt hätte – denn er stahl alle ihre Juwelen, ihr Geld und alle ihre Wertsachen, außerdem hatte er aber schon eine Fahrkarte für ein nach Rotterdam fahrendes Dampfboot am vorhergehenden Abend gelöst, so daß der an ihr begangene Raubmord als vorbedacht angenommen werden konnte – so würde er wahrscheinlich nicht als Mörder betrachtet und auch nicht hingerichtet worden sein. Man hätte die Erdrosselung als in höchster Wollust geschehen, für einen Totschlag ansehen können, der nicht mit dem Tode bestraft worden wäre.

Wenn man bedenkt, daß es in den Todesstrafen keine Abstufungen gibt, so muß man sich darüber entsetzen, daß diese noch immer angewendet wird. Darin ist keine Gerechtigkeit. Dieser Lanni war doch gewiß viel schuldiger als einer seiner Landsleute in London, der aus Eifersucht seinen Nebenbuhler, den er im Bette bei der Person fand, in die er bis zur Raserei verliebt war, mit einem Pistolenschuß tötete und sich dann selber entleiben wollte; doch zerschmetterte er mit dem zweiten Schusse nur seine Kinnlade. Man behandelte ihn mit der größten Sorgfalt, um ihn am Leben zu erhalten. Weswegen? Damit er dennoch hingerichtet werden könne. Ich halte es für grausam und barbarisch.

Ich will jetzt diese vielen Kriminalfälle, die ich hier erwähnt, schließen, und auf ein anderes Thema übergehen und Abenteuer erzählen, die ich hier erlebte. Es ist, glaube ich, die höchste Zeit, daß ich das tue.

In London traf ich die Schwester jener Jenny K ..., der Ungarin, von der ich im vorhergehenden Briefe gesprochen, an. Sie war ziemlich schön, doch bei weitem weniger als Jenny. Auch Laura K ... machte später ein riesiges Glück, einer der reichsten Kavaliere Deutschlands, der preußische Graf H ..., verliebte sich in sie, machte sie zu seiner Maitresse und heiratete sie sogar. H ... war nicht mehr jung, er hinterließ ihr nach seinem Tode ein kolossales Vermögen von mehr als einer Million Talern, und sie kaufte eine der größten und schönsten Herrschaften in Ungarn, eine Stunde von Preßburg entfernt. Dies kann man doch Glück nennen.

Sarolta fand in London nicht jene Aufnahme, auf die sie gerechnet, und verließ mich schon im Augustmonat desselben Jahres, in welchem sie hergekommen, so daß ich außer Rosa keine andere Freundin hatte. Man lud mich zwar zu den fashionabelsten Gesellschaften, dort aber langweilte ich mich, und ich hätte gern das Leben und Treiben der Londoner Bohèmegalante ebenfalls kennenlernen mögen. Zum Glück geriet mir ein Empfehlungsschreiben meines verstorbenen Freundes an eine seiner Cousinen, die in London in der Vorstadt Bromptan wohnte, in die Hände. Ich schickte ihr den Brief Sir Ethelreds samt meiner Karte und erhielt eine Einladung noch an demselben Abend.

Mrs. Meredith, dies war ihr Name, war eine Dame von etwa 45–48 Jahren. Sie mußte einst sehr schön gewesen sein, doch auch das Leben sehr genossen haben, denn sie sah ziemlich verwelkt aus, ihre Haare fingen an grau zu werden, sie hatte eine Menge Falten im Gesicht und nahm zu Haarpuder ihre Zuflucht. Sie war eine Philosophin der epikurischen Sekte, doch wurde sie überall gerne gesehen, denn sie besaß viel Geist, einen niemals versiegenden Humor und eine gute Laune, dabei war sie auch sonst sehr liebenswürdig und vermögend genug, um Abendpartien bei sich geben zu können. Freilich waren ihre Gesellschaften zumeist aus Personen ihrer eigenen Ansichten zusammengesetzt, und darunter gab es auch Ladies von ziemlich zweideutigem Rufe, obschon der Aristokratie angehörend. Doch trotz der Freiheit und Ungezwungenheit, die in ihren Zirkeln herrschten, arteten diese niemals in Orgien aus.

Trotz der Verschiedenheit unseres Alters befreundeten wir uns sehr bald miteinander, und ich gestand ihr, in welchem Verhältnisse ich zu ihrem seligen Cousin gestanden. Sie belobte mich, daß ich ihn mit meiner Liebe beglückt hatte, sie mußte es übrigens geahnt haben, denn schon bei meinem ersten Besuche ließ sie einige Worte fallen, die darauf deuteten, daß er ihr von einem Liebesverhältnisse in Italien geschrieben habe, ohne aber meinen Namen zu nennen. Ethelred war immer ein Muster der Diskretion. Mrs. Meredith selbst war es, die den Weg zu den freiesten Meinungsäußerungen über alle möglichen Gegenstände anbahnte. Sie sagte, sie habe es auch jetzt noch nicht aufgegeben, Liebe zu genießen, obschon dies nicht ohne Geldopfer geschähe. »Mein Gott«, sagte sie, »ich mache es wie ältliche Männer, die von jungen Geschöpfen Liebe kaufen. Dies entehrt nicht die Käufer, sondern diejenigen, die das höhere Gut für das geringere geben.«
Da sie selber überall hinging, so war es mir ebenfalls leicht, mit allem, was für sehenswert gehalten wurde, bekannt zu werden. In Bezug auf Personen der Londoner Bohèmegalante und des Theaters sind die Engländer und Engländerinnen ziemlich tolerant. Sie schließen sie zwar aus ihren Gesellschaften, oder wenn sie sie auch zu sich einladen, betrachteten sie sie doch wie Musikmaschinen. Sie sind zwar höflich gegen sie, wenn aber das Konzert vorüber, dann kennen sie sie nicht mehr. Heiratet aber ein Kavalier eine Person, von der Straße aufgelesen, dann wird von ihrem ehemaligen Lebenswandel nicht weiter gesprochen, der wird ganz ignoriert; und solche von der Straße aufgelesenen Personen können als Gattinnen von Lords sogar bei der Königin eingeladen werden. Ich kannte drei solche Damen, Lady F ..., die Marchioneß von W ... und Lady S ...

Obschon sich die englische Aristokratie nicht nur von der Bourgeoisie, sondern sogar unter sich nach den verschiedenen Parteien, zu welcher diese oder jene Familie gehört, am schroffsten absondert, so gibt es doch Gelegenheiten, bei welchen eine gewisse Amalgamisation der Kasten stattfindet, namentlich bei Wettrennen, bei Jahrmärkten, die zwar jetzt zu den Seltenheiten gehören, bei Blumenausstellungen und anderen öffentlichen Festlichkeiten, zuweilen sogar in Badeorten, namentlich im Ausland an den Spieltischen Deutschlands.

Einige öffentliche Lokale werden übrigens nur von den Damen der Straße besucht, namentlich die Tanzböden in Canterbury Hall, Argyll Rooms, Piccadilly Saloon, Holborn Casino, Black Eagle, Cadwell und unzählige andere. Die Straßennymphen, obschon sie in den Polizeiberichten Prostituierte genannt werden, sind trotzdem nicht so sehr die Parias der Gesellschaft, wie auf dem Continente und werden von den Gesetzen mehr geschützt als anderswo; wenn sie von jemand insultiert werden, indem er ihnen entehrende Titel gibt, so wird der Beleidiger bestraft; sie bilden also nicht so sehr eine verworfene Kaste wie anderswo, deshalb nennen sie sich auch nicht Lustdirnen, sondern unabhängige Damen. Es gibt Lokale, wo sie sich zu versammeln pflegen, wo der Eintritt nicht jedem Menschen gestattet wird, z.B. in Orendon Street bei Mrs. Pamilton. Man muß von einer dieser Personen dort eingeführt werden. Selbst in den Portlandrooms ist es nicht immer möglich, Eintritt zu erlangen. Endlich aber herrscht unter diesen Personen ein gewisser Korpsgeist. Ich war Zeugin eines Auftritts in den Portlandrooms, wo ein Gentleman von der Polizei hinausgeführt wurde, weil er sich über eine dieser Personen verächtlich geäußert hatte. Diese wandten sich an Mr. Frère, den Inhaber des Lokals, der dann gegen den Kavalier einschritt.

Mrs. Meredith erzählte mir von den vielfachen Abenteuern, die sie in diesen Lokalen erlebt, und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, eins derselben unter ihrem Schütze und an ihrer Seite zu besuchen. Ich bedachte mich nicht lange, sondern nahm ihren Antrag an. Wir durchwanderten sie alle nacheinander. Ich hatte Gelegenheit, Bemerkungen über den Charakter dieser verlorenen Geschöpfe zu machen, und meine Meinung über die Engländerinnen dieser Kaste war vergleichsweise mit der über die Freudenmädchen anderer Nationen eine verhältnismäßig günstige. Ich will nicht sagen, daß es unter diesen Weibern nicht ebenso verworfene Geschöpfe gibt, wie in Frankreich und anderswo, die für Geld zu allem zu bringen sind, ferner Marmordamen, die nur darauf ausgehen, die Männer zu plündern. Personen, bei denen jedes bessere Gefühl, jede Reizbarkeit der Nerven ausgestorben; doch im allgemeinen benehmen sich die englischen Lustdirnen viel weniger frech als die Französinnen, und selbst hier in London sind sie von den Personen dieser Nation und den Deutschen sehr verschieden. Ich muß es leider zur Schande der Auswürflinge meiner eigenen Nation bekennen, daß die deutschen Lustdirnen unter allen die frechsten und verworfensten sind. Sie müssen es wohl deshalb sein, weil sie an Schönheit mit den Engländerinnen den Wettstreit nicht aushalten können und das, was ihnen dazu mangelt, durch ein ungezügeltes Benehmen, welches mancher Männer Begierden reizt, zu ersetzen gezwungen sind. Man erkennt sie durch ihre auffallende Toilette und ihren Gang schon aus der Entfernung.

Die Bälle in Canterbury Hall, in den Argyll Rooms, in Holborn Casino, in Surry und Vauxhallgarten, ebenso auch im Cremorzegarten und im Piccadilly-Saloon sind ziemlich fad, man möchte sie für was immer sonst halten, nur nicht für Bälle. Die Weiber in Mantillen und Hüten, die Männer ebenfalls mit Hüten, Überziehern, und Stöcke in der Hand, das Tanzen steif und taktlos; es ist eine wahre Satire und eine Profanation der edlen Tanzkunst. Ich selber ging mit Mrs. Meredith auf alle diese Bälle; wiewohl wir eines dieser Lokale kaum öfters als einmal, höchstens zweimal besuchten, erkannte das Publikum es doch sogleich, daß wir nicht zu dieser Kaste von Frauen zimmern gehörten. Man nahm also dort keine Notiz von uns; niemand forderte mich zum Tanz auf, ich würde es allerdings auch nicht getan haben.

Unter allen diesen Lokalen sind die Bälle in Portlandrooms und der einzige große alljährliche Maskenball im Vauxhallgarten im Sommer die unterhaltendsten, ja, sie übertreffen sogar jene von Paris im Jardin Mabille, Chateau rouge, Jardin d’Hiver, Chateau de fleurs, Gonelagh und Frascati. In den Portlandrooms werden nur in der Wintersaison Bälle abgehalten. Sie beginnen erst nach Mitternacht und währen bis 4 oder 5 Uhr des Morgens. Die Gentlemen und die Ladies kommen hierher im Ballkostüm. Hier kann man die wahre Eleganz der englischen Bohèmegalante finden, alle ausgehaltenen Damen tanzen nicht mehr in Mantillen und Hüten, sie sind decolleté, die Herren ebenfalls im Ballkostüm, schwarz mit weißen Westen und Halsbinden. Hier wird auch Cancan getanzt, und zwar ein sehr ausgelassener, wie die Weiber überhaupt hier mehr Bacchantinnen sind als anderswo, ohne daß sich die Polizei darein mengte. Die Ausstattung des Saales selbst entspricht dem Glänze der Toiletten durchaus nicht; sie ist die elendeste, die man sich nur vorstellen kann; ein geweißter Saal ohne Dekorationen, Bänke von weichem Holz, eine zwar starke, doch häßliche Beleuchtung, die Gasflammen aus eisernen Röhren hervorströmend, die Speisen am Büfett unschmackhaft und sehr teuer, das Orchester das elendeste, ziemlich stark besetzt, doch spielen die Musikanten falsch, mit einem Wort, man kann nicht begreifen, was der Zweck eines solchen Kontrastes zwischen dem Glänze der Toiletten und der Armseligkeit des Lokals sein kann.

Es ist natürlich, daß alle diese Plätze ausschließlich nur von der Bohèmegalante besucht werden, und nur einmal im Jahre vermischt sich die Aristokratie der Damen mit der niedrigsten Kaste im Maskenball des Vauxhallgartens, welcher von der Hautevolee ebenfalls benutzt wird, so daß man hier wirkliche Ladies erblickt.

Mrs. Meredith war mit den meisten Damen der Bohèmegalante nicht nur bekannt, sondern sogar intim, und gäbe es in der englischen Sprache ein Duzen, sie würde sich mit ihnen geduzt haben. Einige dieser Personen besuchte sie auch, und sie gab ein paar Abendgesellschaften eigens für sie. Bei diesen Gesellschaften aber gab es keinen einzigen Mann, dennoch unterhielten wir uns hier vielleicht besser, als wenn Männer daran teilgenommen hätten.

Sie besaß außer ihrem Londoner Hause ein schönes Landgut in Surrey, nicht viel weiter von London entfernt als Richmond. Auch dahin wurden einige der jüngsten und schönsten Venuspriesterinnen eingeladen, und sie erschienen in ziemlich großer Anzahl. Ich selber brachte auch Rosa mit mir, die trotzdem, daß sie bereits 26 Jahre alt war, noch immer so blühend aussah wie damals, als ich mit ihr nach Paris kam; sie war während der vier Jahre gar nicht gealtert. Unsere weibliche Gesellschaft mochte etwa zwischen 40 und 50 Personen gezählt haben, und wir sollten drei Tag das Fest hinausziehen.

»Wir wollen eine homosexuelle Orgie feiern«, sagte Mrs. Meredith, »wir wollen sehen, ob wir die Männer nicht ganz entbehren können.«

Durch den Garten der Mrs. Meredith floß ein ziemlich breiter Strom, welcher aber für Schiffe zu seicht ist, so daß man ihn an manchen Stellen durchwaten kann. Gerade dort, wo er durch den Garten fließt, ist er noch am tiefsten, so daß man hier auch schwimmen kann. Da der Garten von einer hohen Mauer umschlossen ist und die Ufer des Flusses im Innern des Gartens von Trauerweiden umgeben sind, so daß sie denselben vor allen neugierigen Augen verdecken, so wie man überhaupt im ganzen Garten tun kann, was einem beliebt, ohne befürchten zu müssen, es könnte von außen her gesehen werden, so eignete sich hier alles aufs beste zum Abhalten einer Orgie.

Wir hatten das herrlichste Wetter, wie wir es uns nicht besser wünschen konnten, nicht ein Wölkchen zeigte sich während unseres dreitägigen Aufenthaltes hierselbst. Mrs. Meredith hatte es uns zum Gesetz ge macht, während unseres Hierseins stets nackt zu bleiben; wir zogen nur Schuhe an, wenn wir im Freien lustwandelten, denn auf den Kieswegen würden es unsere Fußsohlen empfunden haben. Das Bett des Flusses aber bestand aus weichstem Sand ohne den geringsten Schlamm. Wir brachten den größten Teil unserer Zeit im Wasser zu, wie Enten, wir schäkerten miteinander, schwammen umher; da ich unter allen übrigen die geschickteste Schwimmerin war, einige der Damen aber diese Kunst nicht gelernt hatten, so setzte sich bald die eine, bald die andere rittlings auf meinen Rücken; die Berührung des nackten Fleisches war gar so wollüstig und zuweilen ward ich sogar von mehreren umringt.

Soll ich Ihnen alles erzählen, was wir hier getan? Es wäre zu viel und mein Brief würde mehr als doppelt so lang sein als alle übrigen, die ich Ihnen geschrieben; es wäre aber auch unmöglich, alles so zu beschreiben, wie es geschah, demnach gebe ich es lieber auf. Es genüge Ihnen, davon soviel zu wissen, daß wir uns alle in Wollust badeten. Es waren unter den Anwesenden einige Personen, die behaupteten, sie hätten in den Armen der Männer niemals diese Seligkeit empfunden wie im homosexuellen Genuß. Ich begreife es jetzt, daß die Türkinnen in ihren Harems sich niemals langweilen, und daß sie sich auch nicht so unglücklich fühlen müssen, wenn es lange währt, ehe an eine die Reihe kommt, daß ihr der Sultan sein Taschentuch zuwirft. Ich kann es mir denken, auf welche Weise sie sich die Zeit verteiben; sie machen es, wie wir es hier getan, und ich weiß noch immer nicht, ob der homosexuelle Genuß dem heterosexuellen nachsteht. Schon die Sicherheit dessen, daß diese Umarmungen keine so nachteiligen Folgen nach sich ziehen können, erhöht den Genuß, denn man überläßt sich seinen wollüstigen Empfindungen ohne die geringste Furcht.

Für keinen von uns war übrigens dieses Fest ein solcher Genuß, wie für unsere Hauswirtin, denn wir alle wetteiferten darin, ihr unsere Dankbarkeit zu bezeugen, daß sie uns auf eine so glänzende Weise bewirtete, doch fühlten wir nach dem dritten Tage eine so große Erschöpfung, daß wir den vierten zumeist im Bette zubrachten, dann aber reisten wir allesamt nach London zurück, wohin mich meine Berufspflicht zurückrief.

Ich hätte in London enorme Summen gewinnen können, wenn ich es darauf angelegt hätte Männer erobern zu wollen. Lord W ..., der unter allen diesen englischen Kavalieren einer der größten Gesangsfanatiker war und auf eine andere Sängerin ungeheure Summen verschwendet hatte, ja, hier ein Engagement für sie erwirkt hatte, welches sie eigentlich nur seiner Dazwischenkunft zu danken hatte, ließ mir durch mehrere seiner männlichen und weiblichen Bekannten die glänzendsten Anerbietungen machen, doch ich schlug dieselben ebenso aus wie alle anderen, die mir von seiten der englischen Aristokratie gemacht wurden, so daß ich trotz meiner intimen Bekanntschaft mit Mrs. Meredith doch im Rufe der Uneinnehmbarkeit stand. Eine Dame, die mich bei Gelegenheit der Verheiratung ihrer Tochter zu einem Hausfeste einlud, sagte mir Schmeichelhaftes sowohl über meinen Gesang wie über meine Aufführung. Sie brachte auch meine Bekanntschaft mit Mrs. Meredith aufs Tapet.

»Diese gute Dame steht zwar in einem zweideutigen Ruf; Sie werden das wahrscheinlich aber nicht gewußt haben«, sagte sie, »wie ich höre, haben Sie ihren Vetter Sir Ethelred Merwyn gekannt. Man behauptet, er wäre ehemals ihr Geliebter gewesen, und daß ihm das Gefühl der Liebe bis an sein Lebensende Freund geblieben. Er hat Ihnen seine Cousine anempfohlen? Wahrscheinlich wird er nicht gewußt haben, daß sie steinreich geworden. Übrigens kann Sie das nicht berühren. Sie brauchen davon keine Notiz zu nehmen.«

Wie irrig die Meinung der Welt doch in mancher Beziehung urteilt. Sir Ethelred – ein Stoiker, darüber könnte ich das meiste sagen; denn so genau wie ich hat ihn wohl kein anderes Weib gekannt.

Sie werden mich vielleicht fragen, ob ich nicht auch in London und in Britannien überhaupt meine petites Fredaines gehabt? Glauben Sie, ich habe meinen vertrauten Umgang mit Rosa aufgegeben? »Nicht dies, nicht dies«, höre ich Sie rufen. Nun ja, ich hatte meine kleinen Abenteuer, doch maskierte ich mich dabei immer so geschickt, daß es niemand einfiel, in mir die berühmte Primadonna zu sehen. Ich besuchte sogar den sogenannten Strèck in Regents Street und Portlandplace bald mit der einen, bald mit der anderen der Damen, die ich bei Mrs. Meredith und in den Portlandrooms kennengelernt, ja, sogar mit Mrs. Meredith selber. Wir mußten uns freilich sehr in acht nehmen, damit wir keinem jener begegneten, die uns in Gesellschaften getroffen, und eben deshalb wechselten wir den Strich, indem wir Gegenden besuchten, die sehr weit entfernt vom Zentralpunkte der Stadt sind, namentlich die östlichen und nördlichen Vorstädte Londons, St. Georges in the East und dann weiter über Kenthistown hinaus. Freilich waren es hier keine Kavaliere, die wir antrafen, sondern Schiffsleute, Matrosen, Midshipmen und zuweilen ein Schiffskapitän. Wir verloren bei diesem Tausch im ephemeren Umgang durchaus nicht, im Gegenteil, wir gewannen nur in Bezug auf männliche Lendenkraft, und diese Leute, für so roh sie auch sonst immer gehalten werden, waren doch gegen uns viel höflicher, behandelten uns viel zarter, als wenn es andere Gentlemen gewesen wären, die uns für öffentliche Lustdirnen gehalten hätten. Das schlimmste bei diesen Streifzügen war, daß man uns Geld anbot und wir es annehmen mußten, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollten, unsere Stellung in der Welt zu verraten. –

Endlich aber hatte ich mir doch einen wunderschönen Hinduknaben von kaum mehr als 14 Jahren zum Pagen genommen. Ich tat es, weil er mir so gut gefiel, daß ich mir vornahm, ihn in die süßen Mysterien der Liebe einzuweihen. Es hatte für mich einen eigentümlichen, besonderen Reiz, bei einem solchen Knaben, dem derartige Empfindungen ganz fremd gewesen, sie plötzlich entstehen zu sehen. In jeder Muskel seines Gesichtes, in jeder Bewegung seines Körpers sprach sie Liebe aus, seine Hingebung war so grenzenlos, daß er zu einem freiwilligen Sklaven wurde. Sehr oft sagte er mir, er glaube nicht, daß das, was er genoß, Wirklichkeit sei; er müßte dies alles träumen, und wirklich sah ich ihn in Gedanken versunken, die Lider geschlossen, vor sich hinbrüten, und er hörte und er sah mich erst, als ich ganz nahe an ihn herantrat und ihn mit meiner Hand berührte.

Ich kann Ihnen nichts mehr mitteilen, denn alles, was sich später ereignet, haben Sie aus meinem Munde gehört – Sie erinnern sich der Zeit, in welcher Sie meine Bekanntschaft machten – und ich glaube, mit diesem Briefe schließen zu dürfen.



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