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Aus den Memoiren einer Sängerin

Memoiren einer Sängerin 5

Erotischer Roman (Kapitel V)


Autor:

Alle Fassungen dieses Artikels:

Wilhelmine Schröder-Devrient, Aus den Memoiren einer Saengerin, Verlagsbureau, Altona, tome I, 1862 ; tome II, 1870.


V

Wenige Mädchen werden in so kurzer Zeit so rasch hintereinander, so vollständig und vor allen Dingen so gefahrlos über diese wichtigsten Momente des ganzen weiblichen Lebens aufgeklärt worden sein, als ich es durch Zufall und durch die Mitteilungen Margueritens wurde. Ich hatte bis dahin nicht mehr – wahrscheinlich auch nicht weniger gedacht und versucht, als die meisten Mädchen meines Alters, obgleich ich jetzt weiß, daß ich ein ungleich sinnlicheres Temperament hatte und habe, als es bei Mädchen und jungen Frauen gewöhnlich der Fall ist. Die Männer irren sich, wenn sie glauben, daß das ganze weibliche Geschlecht von der Natur ebenso sinnlich geschaffen ist als sie. Wenn sie nach den Frauen urteilen, die ihnen alles leicht gewähren, so urteilen sie falsch. Ehemänner wissen das und klagen oft genug darüber. Auch ich wollte das lange nicht glauben, hielt alles für Prüderie und Verstellungen, wenn ich auf Kälte, Gleichgültigkeit, ja Abneigung gegen Dinge stieß, die mich interessierten und erregten. Nichtsdestoweniger ist es wahr, daß eine früh erwachte und sich leicht ausbildende Sinnlichkeit bei einem Mädchen zu den Seltenheiten gehört, und mit aller Offenheit bekenne ich Ihnen gegenüber, daß ich zu diesen Ausnahmen gehöre. Sie wer den mir erwidern, wie es denn möglich sei, daß so viele Mädchen verführt werden, wenn sie nicht selbst den Wünschen des Mannes entgegen kämen, wenn Trieb und Wollust nicht ebenso heftig bei ihnen wie bei den Männern wäre, und leider muß ich Ihnen die Antwort auf diese nur zu wahre Anschauung schuldig bleiben. Je fester ich durch meine Beobachtungen und Erfahrungen davon überzeugt bin, daß eine bewußte Sinnlichkeit beim weiblichen Geschlecht ursprünglich nicht so vorhanden ist, wie bei den Männern; daß sie bei den meisten Frauen erst geweckt und gebildet werden muß, dann aber namentlich zwischen dem 30. und 40. Lebensjahre ebenso vollständig und gebieterisch vorhanden ist wie bei den Männern – je unerklärlicher ist mir die unbestreitbare Erfahrung, daß so viele Mädchen zu Falle kommen und unglücklich werden, bei denen der Mann keinen Verbündeten, keinen Helfer in ihrem Innern zu erwarten hat. Vergeblich habe ich mich bemüht, eine Erklärung für diesen Widerspruch zu finden. Alles ist dem Manne ungünstig, wenn er ein noch unschuldiges Mädchen dazu bringen will, sich ihm ganz und rückhaltlos zu ergeben; denn der ganz entschiedene körperliche Schmerz, den eine erste Vereinigung verursacht, und welcher jedenfalls selbst mitten im Taumel zum Nachdenken und Anhalten auf der gefährlichen, rasch abschüssigen Bahn geeignet ist, endlich die Kenntnis der unausbleiblichen Folgen sich zu vergegenwärtigen; denn so unwissend ist wohl höchst selten ein junges Mädchen, daß es die Folgen vertrauten Umganges mit dem Manne nicht kennen sollte. Statuen, Gemälde, das Schauspiel der Begattung bei den Tieren, Schul- und Pensionat-Gespräche, ganz unvermeidliche Lektüre und anderes mehr, klären auch die beschränktesten, die mit Argusaugen Bewachten, auf. Und doch muß ich zugestehen, und finde keine andere Erklärung, als die Neugier und das weiche Gefühl der Hingebung für das Ungestüm eines Mannes, den man liebt. Aber wie viele ergeben sich ohne Liebe? Wie viele weinen und wimmern, wehren sich aber nicht! Es ist dies eines der wunderbarsten Geheimnisse der so allgütigen Natur; ein Beweis der unwiderstehlichen Macht und Anziehungskraft, welche sie dem verschwiegensten Innern eingeflößt hat.

Das ganze Katzengeschlecht, vom Löwen bis zum Haustiere, empfängt mit Schmerz und gebärt mit Wollust, gerade das Gegenteil zur ganzen übrigen Schöpfung! Und doch gibt das Weibchen sich dem Schmerze des Empfangens hin. Wer erklärt dieses Rätsel? Wie oft haben Mädchen mir weinend gestanden, sie wüßten nicht, wie sie dazu gekommen wären. »Er habe so süß gebeten.« – »Es sei ihnen so warm, so wunderbar geworden.« – »Sie hatten sich so geschämt!« Wie wenig reicht dies alles für die Erklärung aus! Und so sonderbar, daß gerade mir, die ich mein feuriges Temperament gar nicht verhehle – das heißt, Ihnen nicht verhehle, weil Sie keinen Vorteil aus diesem Bekenntnis ziehen wollen, – daß die Natur gerade mir, sage ich, einen so scharfen Verstand verliehen hat, um lange, lange der Gefahr zu entgehen. Ich kann nur schildern, was ich empfunden, was ich gedacht, als endlich auch meine Stunde geschlagen hatte, und ich werde es mit vollkommener Aufrichtigkeit tun, wenn ich an die Schilderungen meiner eigenen Erfahrungen komme. Für andere vermag ich keine Erklärung zu geben. Keine wenigstens, die mir gegeben wurde, reicht aus, und so wird das vieltausendjährige Rätsel wohl ungelöst bleiben müssen. Nicht umsonst beginnt die Weltgeschichte mit Evas Neugier und dem Genüsse einer verbotenen Frucht. Die weisen Männer, welche gerade diese Mythe an den Beginn der Geschichte des Menschengeschlechtes gestellt haben, haben recht wohl gewußt, daß dies der Mittelpunkt, der Hebel, das Geheimnis der ganzen Weltgeschichte ist, nur mit dem Unterschiede, daß der Genuß der verbotenen Frucht nicht aus dem Paradiese vertreibt, sondern das Paradies öffnet.

Sie werden mir ohne besondere Versicherung glauben, daß ich nicht damals, als ich so vollständig belehrt von dem Gute meines Onkels zurückkehrte, dergleichen Betrachtungen anstellte. Sie sind die Frucht meiner späteren Erfahrungen. Als Kind war ich in den Alkoven des Schlafzimmers meiner Eltern gelaufen. Als Jungfrau, freilich nicht mehr in der rein körperlichen Bedeutung eines unverletzten Hymen, kam ich von dem Gute des Onkels zurück. Ich war eine andere, die Welt um mich her war eine andere geworden. Ein Schleier war mir von den Augen gefallen. Alles, Personen und Dinge erschienen mir in einem ganz neuen Lichte. Ich hatte Verständnis für Dinge gewonnen, die ich früher nie bemerkt, nie beachtet und viel weniger begriffen hatte. Wie der Zufall mir dieses Verständnis verschafft, so hatte er mich auch belehrt, den Mißbrauch dieser köstlichen Gaben zu vermeiden. Was ich von meinem Cousin gesehen, bewahrte mich für mein ganzes bisheriges Leben vor dem Übermaße. Ich hatte in den fahlen erloschenen Augen, in der Hinfälligkeit des jungen Sünders das Los derer erkannt, die sich zu heftig diesen Genüssen hingeben. Ich habe mich nicht gescheut, meine Zuflucht zu ihnen zu nehmen, aber ich habe es nicht auf Kosten meiner Gesundheit und meines Frohsinns getan. Ja, wäre ich ein Mann gewesen, ich würde vielleicht dies nie getan haben, denn die Männer haben nicht dieselbe Entschuldigung für ihr heimliches Treiben, als Mädchen, Frauen und Witwen. Sie sind nicht so eingepreßt, so dicht von Fesseln umgeben wie Frauen, die keinen Schritt tun, keinen Blick tauschen, und kein offenes Wohlgefallen zeigen können, ohne sofort von bösen Zungen begeifert zu werden und dadurch ihren guten Ruf auf das Spiel setzen. Wir müssen heucheln und gleichgültig tun, wo wir gern entgegenkommen möchten, – wir müssen im Geheimen tun, was uns unglücklich machen würde, wenn wir zugestehen wollten, daß wir nichts weniger als gleichgültig sind. Der Mann hat nicht nötig, diese Rücksichten zu nehmen. Ihn erwartet nur Vergnügen und Lust, wo wir Schmerzen zu ertragen haben. Er fühlt Triumph, wo wir Reue haben. Weshalb sollte er also im Stillen und über die kalte Hand ausströmen, wofür ihm wahrlich Gelegenheit nicht fehlt? Ich sagte mir also, daß das Übermaß wie in allen Dingen, so auch in diesen gefährlich sei, und diese durch Zufall erlangte Erfahrung hat mich bis jetzt gesund und fröhlich erhalten. Vor allen Dingen brachte ich eine Erkenntnis in das Haus meiner Eltern zurück. Es gibt zweierlei Sittlichkeiten in der Welt: Eine öffentliche, deren Formen die bürgerliche Gesellschaft zusammenhalten und die niemand ungestraft verletzt, und eine natürliche zwischen den beiden Geschlechtern, deren mächtigste Triebfeder das Vergnügen ist. Natürlich hatte ich damals diese Begriffe nur dunkel, gewissermaßen instinktartig, und hätte es wohl noch kaum in Worte zu fassen gewußt. Seitdem habe ich oft und viel darüber nachgedacht und immer wieder diese Doppelnatur der Sittlichkeit bestätigt gefunden. Was in mohammedanischen Ländern sittlich ist, erscheint in christlichen Ländern unsittlich! Die Sittlichkeit des Altertums ist eine durchaus andere, als die des Mittelalters, und was im Mittelalter erlaubt war, würde jetzt das Gefühl verletzen. Naturgesetz ist die innigste Vereinigung des Mannes mit dem Weibe; die Form, wie sie erreicht wird, ist Sache des Klimas, der religiösen Überzeugung und der geselligen Formen. Niemand darf und kann sich ungestraft über das ihn umgebende Maß von Sittlichkeiten hinwegsetzen, und gerade der Zwang, den dieses örtliche Sittengesetz allen ohne Unterschied auferlegt, erhöht die Freude des Genusses in der Verborgenheit.

Meine Eltern waren Muster in Beobachtung dieser äußeren Formen der notwendigen Sitte und gerade deswegen doppelt glücklich in ihren vertrauten Stunden. Wenn ich es nicht selbst gesehen, würde ich nie geglaubt haben, welche Verwandlung jene Momente ungestörten und unbelauscht geglaubten Genusses bei ihnen hervorgebracht. Mein Glaube ist also wenigstens entschuldigt, wenn ich so leicht einem Außenseiter, einem Schein mehr traue. – Ebenso falsch, ebenso täuschend ist aber auch ein sogenanntes feuriges Auge, offenbare Gefallsucht und anscheinend leichtes Benehmen bei Frauen. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, daß gerade solche Frauen, die viel zu versprechen scheinen, kalt und teilnahmslos sind, wenn sie das Versprechen auch halten sollen. »Stille Wasser gründen tief.« Die Wahrheit dieses Sprichwortes zeigt sich am schlagendsten im Charakter des Weibes; ja, wir sind imstande, uns selbst im Augenblicke vollkommener Besinnungslosigkeit zu verstellen. Nicht allein an meiner vortrefflichen, tugendhaften und sittlich musterhaften Mutter habe ich das gesehen, sondern von anderen und sogar an mir selbst. Es wird dem Weibe außerordentlich schwer, einzugestehen, daß es genießt. Wir sind glücklich, wenn wir Genuß bereiten und geben deutlich zu erkennen, daß uns das glücklich macht; aber ein unerklärliches Etwas hält uns zurück, einzugestehen oder zu zeigen, in welchem Grade wir selbst genießen. Ich finde keinen anderen Grund dafür, als das Bestreben oder das dunkle Gefühl, dem Manne, selbst dem geliebten Manne, nicht noch größere Rechte und noch mehr Gewalt über uns einzuräumen, als er schon hat. Die Natur weist den Mann auf Kampf, Besiegen aller Schwierigkeiten und immer neues Streben nach Höherem und Besserem hin. Die vollständige Befriedigung macht den Mann gleichgültig, träge und ruhig und vollständige Befriedigung würde es für ihn sein, wenn auch das Weib äußerlich erkennbar genießen und ihrem Gefühle den vollen, wahren und lauten Ausdruck geben wollte. Dem Manne muß immer etwas zu bekämpfen, zu erringen übrig bleiben, das Weib muß immer noch etwas zu gewähren haben, wenn es auch schon das Höchste gewährt hat. Ist der körperliche Sieg auch schon längst errungen, ein geistiger Sieg muß zu erringen übrigbleiben, und das ist nicht etwa Berechnung bei unserem Geschlecht, das ist Instinkt. Wie oft habe ich Tieren zugesehen, diesen großen Lehrmeistern der Menschen in allen Dingen. Das Weibchen sträubt sich, weicht aus, versagt. Das Männchen drängt, verfolgt, bezwingt; hat das Männchen aber seinen Zweck erreicht, allen Widerstand besiegt, entfernt es sich; dann aber folgt ihm das Weibchen und verlangt Schutz und Unterhalt vom Sieger. Nur bei sehr wenigen Tierarten zeigt das Weibchen Lust zur Begattung, aber den Trieb dazu kann es nicht verhehlen, denn ganz unvermerkt stellt es sich dem Männchen in den Weg, lockt und reizt. Ist das Männchen dann im Feuer, so findet es Weigerung und Kampf. Ist es doch, als wollte die Natur durch die Erregung des Kampfes jene feinsten Säfte des tierischen Körpers, deren Erguß und Vermischung für die Fortpflanzung ihr höchster Zweck ist, noch mehr vergeistigen, noch mehr verflüchtigen, seine Quellen nervös noch weiter anspannen, um die Vereinigung noch wirksamer zu machen. Wohl nur aus diesem Grunde sind Kinder der Liebe meist stärker als Kinder, wie Shakespeares sagt: »In langweiliger Ehe, halb zwischen Schlafen und Wachen erzeugt.« Der Kampf und das Sträuben sind also Naturgesetze, ebenso die Begierde des Mannes nach vollständiger Unterwerfung und der Instinkt, das Bekenntnis dieser vollständigen Unterwerfung zu verweigern für das Weib. Wenn Frauen über die Kälte der Männer klagen, so sind sie gewöhnlich zu aufrichtig, zu ehrlich in den Augenblicken des höchsten Genusses gewesen und haben dem Manne keinen Wunsch mehr übrig gelassen.

Meine Mutter hatte meinem Vater ihre Lust an dem Bilde im Spiegel verhehlt, Marguerite hatte mir jenes Instrument nicht gezeigt und doch wußte ich von beiden, daß sie im höchsten Grade sinnlich waren. Die Lehre ging mir nicht verloren, und in dem, was ich Ihnen noch von mir selbst zu erzählen haben werde, möge sich der Beweis dafür finden.

Bis auf das widrige Schauspiel mit meinem Cousin, hatte ich das, was meine Phantasie erfüllte, nur von seiner poetischen Seite kennengelernt. Zwei gebildete, liebenswürdige und tugendhafte Menschen, die keine Ahnung davon haben konnten, daß jemand sie belauscht, bei denen die Freude an dem festlichen Tag und die Freude am gegenseitigen Besitze der Befriedigung eine höhere Weihe gegeben. – Bei Margueriten hingegen war immer noch ein Wunsch, eine Sehnsucht, ein Ideal übriggeblieben, und ich hatte mir denken können, daß etwas Vollkommeneres mich noch erwartete; das ganz Materielle, das Tierische des Genusses war mir noch fremd geblieben. Selbst in der heimlichen Sinnlichkeit meines Cousins lag noch Poesie. Wußte ich denn, was ihn dazu trieb? Was mich daran beleidigte, war eigentlich nur die Gleichgültigkeit gegen mich, das Vermeiden und Übergehen eines jungen frischen Mädchens, das ihm entgegenkam. In der Sache selbst war Marguerite, war ich ebenso schuldig als er. Ja, hätte Marguerite mich nicht so eindringlich gewarnt, so wäre ich bei meinem Temperament und meiner Unerfahrenheit vielleicht auch in den Fehler des Übermaßes verfallen, hätte vielleicht auch meine Gesundheit zerstört, wie Millionen bleichsüchtiger, hohläugiger Mädchen, die jeden Augenblick des Alleinseins benützen, um sich einen Vorgeschmack der Freuden zu bereiten, die ihnen Gesetz und Sitten versagen.

Daß ich nach so rasch aufeinander folgenden Erfahrungen viel aufmerksamer als vorher auf alles um mich her wurde, Leute und Dinge mit ganz anderen Augen betrachtete, werden Sie wohl glauben. Überall vermutete ich Heimlichkeit und Verständnis, Intrigue zwischen den Personen, unter denen ich lebte und mich bewegte. Meist mit Unrecht, wie ich mich nachher überzeugte. Ich lauschte und horchte, um zu erfahren, was man mir verbergen wollte und bis dahin verborgen hatte. Mit der größten Sehnsucht wünschte ich, meine Eltern noch einmal belauschen zu können, überlegte, machte unaufhörlich Pläne dafür, immer hielt mich aber eine tiefe Scheu von der Ausführung meiner Pläne zurück, und bot sich selbst eine Gelegenheit dazu, so wagte ich es doch nicht, sie zu ergreifen, und ich freue mich noch heute darüber, daß eine innere Stimme mich davon zurückgehalten. Absichtlich zu belauschen, wäre eine Entweihung der stillen Freuden zweier guter Menschen gewesen. Für den Zufall brauchte ich mir keinen Vorwurf zu machen, ebenso wenig, wenn ich Lüsternes erspäht hatte, wenigstens bereute ich keinen Augenblick, Marguerite überlistet zu haben. Mir war also alles noch Poesie, aber ich sollte auch die Prosa kennenlernen. – Ich habe Ihnen schon erzählt, daß ich bald nach der Rückkehr vom Gute meines Onkels zur vollkommenen Jungfrau geworden war. Erschreckt sah ich die ersten Zeichen der weiblichen Reife hervortreten und wollte sie vor meiner Mutter verbergen, da ich das Blut anfangs für eine Folge meiner Unterhaltungen mit Margueriten hielt. Die Wäsche verriet aber, was ich verbergen wollte, und zum ersten Male sprach nun meine Mutter belehrend über solche Dinge mit mir, aber doch nur so viel, als durchaus nötig war, um mich ganz im allgemeinen aufzuklären. Sie ahnte freilich nicht, daß ihr eigenes Beispiel mich schon viel vollständiger belehrt hatte. Bald nachher wurde ich gefirmelt und von nun an – ich war noch nicht ganz 16 Jahre – nahmen mich die Eltern in Gesellschaften mit; man wurde aufmerksam auf mich, besonders weil meine Stimme sich immer klangvoller entwickelte und mein Gesangstalent damals die ersten Blüten trieb. Fast jedesmal, wenn ich in Gesellschaft etwas gesungen hatte, ertönte es von allen Seiten: »Sie müssen zum Theater gehen, müssen eine Catalani, eine Sonntag werden!«

Was man immer und immer wieder hört, das prägt sich endlich unwillkürlich ein, und obgleich mein Vater nichts davon wissen wollte, fand ich doch in der Mutter eine Verbündete für meine ohne mein Zutun erwachten Wünsche, und es war endlich beschlossen, ich sollte eine Künstlerin werden. Meine Studien und Beschäftigungen waren von nun an ausschließlich auf dieses Ziel gerichtet und ich hatte von meinem 16. Jahre an größere Freiheit und Selbständigkeit, als sonst Mädchen meines Alters zu haben pflegen. Eine weitläufige Verwandte ziemlich reifen Alters, häßlich und ängstlich bei der größten Kleinigkeit, wurde bewogen, mich nach Wien zu begleiten, wo ich bei einem damals berühmten Gesanglehrer ausgebildet werden sollte. Mein Vater hatte getan, was seine Mittel nur irgend erlaubten, und Sie wissen ja, wie ich ihm durch die Tat dafür gedankt. – Bis zu meiner Abreise nach Wien sah ich Margueriten noch mehrere Male. Sie blieb meine vertraute Freundin und Lehrerin in Dingen, für die es für junge Mädchen eigentlich keine Lehrmeisterin gibt und Lehrer teuer zu stehen kommen. Ganz erstaunt war ich, als ich bald merkte, daß sie mit meinem Cousin in einem sehr vertraulichen Verhältnisse stand. Ich hatte ihr nämlich erzählt, was ich von meinem Cousin gesehen, und das scheint sie zu dem Versuche veranlaßt zu haben, ob sie ihm die böse, seine Gesundheit zerstörende Angewöhnung nicht abgewöhnen könne. Es war ihr zwar ersichtlich unangenehm, als ich ihr sagte, was ich bemerkt, aber sie gestand mir doch ein, daß meine Mitteilung damals ihre Phantasie aufgeregt und daß sie die Gelegenheit geschickt herbeigeführt habe, seine Scheu vor dem weiblichen Geschlechte zu besiegen. Sie schien sich zu schämen, daß sie über zehn Jahre älter als mein Cousin, ihn gewissermaßen verführt habe, schwor mir aber auf das Heiligste, daß sie ihm weder mehr gestatte noch tue, als was sie mit mir getan; denn ein gebranntes Kind scheut das Feuer, und so schwach, wie sie gegen ihren Charles gewesen, würde sie nie wieder sein. Ob das die volle Wahrheit gewesen, habe ich nie erfahren, daß mein Cousin aber sehr viel gesünder, lebenslustiger aussah als früher, sah ich mit Vergnügen und bemerkte auch, daß er weder mich noch andere Mädchen vermied, ja mich manchmal mit ganz besonderen Augen ansah. Ich hatte aber nicht die geringste Lust, als Aushilfe für Marguerite zu dienen, und trieb meinen Scherz mit ihm. Hätte ich von ihm nichts gesehen, so will ich nicht leugnen, daß sich wahrscheinlich zwischen meinem Cousin und mir eine Liebelei angesponnen haben würde, denn die Gelegenheit zu vertraulicher Annäherung, die hauptsächlichste Bedingung aller Liebesverhältnisse, war bei uns vorhanden. Auch meine entsetzliche Furcht vor den Folgen hielt mich zurück. – In meinen Unterhaltungen mit Marguerite blieb fast nichts übrig, worüber sie mir nicht vollständige Belehrung gegeben, so daß ich klüger und ausgerüsteter in die Welt trat, wie selten ein Mädchen, und weit entfernt, daß mir das schädlich gewesen wäre, hat es mich vor unglücklichen Erfahrungen bewahrt, denn ich wußte nun genau, um was es sich handelte und konnte mich in acht nehmen. Man hielt mich für kalt und tugendhaft, ich war doch bloß unterrichtet und vorsichtig. Wollte man überhaupt die sogenannte Tugend der bei weitem meisten Frauen ergründen, so würden sich wunderbare Resultate ergeben. Ich habe mir nun einmal Aufrichtigkeit gegen Sie zur Pflicht gemacht, glaube aber, daß nur sehr wenige Frauen zu einer vollständigen Aufrichtigkeit zu bewegen sein würden, denn Verstecken und Täuschen liegt nun einmal in unserer Natur. Könnte man die Gefahr der Folgen hinwegzaubern, so gäbe es kein tugendhaftes Mädchen mehr. Alle versuchten aus Neugierde und genössen sowohl aus dem eigenen Triebe zur Wollust, als aus Freude an der Wollust des Mannes.

Ehe ich das Haus meiner Eltern verließ, um die zwar dornenvolle, aber auch freudenreiche Laufbahn einer Künstlerin zu betreten, hatte ich noch Gelegenheit, die Rückseite der Medaille kennenzulernen. Meine Eltern hatten eine große, fast ländliche Wirtschaft, Kühe, einen ganzen Hof voll Federvieh und einen großen Garten. Die Hühner und Tauben waren meine Domäne und ihre Fütterung und Pflege ließ ich mir nicht nehmen. Der Hühnerstall stieß dicht an den Kuhstall und war nur durch eine dünne Wand, von einem Verschlage getrennt, wo das Futter für die Kühe aufbewahrt wurde. Dort befand ich mich eines Tages, als der Kutscher, den wir erst seit kaum 14 Tagen in Diensten hatten, in den Kuhstall kam und die Viehmagd, ein Scheusal von Schmutz und Häßlichkeit, vierschrötig und plump, in den Verschlag zerrte. Sie kicherte, wehrte sich so viel als nötig war, ergab sich aber sehr bald, und als er sie ohne Umstände auf das Heu niederwarf, konnte ich doch der Neugierde nicht widerstehen, stieg auf einen Schemel und sah durch eine Luke in den Verschlag. Ich wollte, ich hätte es nicht getan, denn einen häßlicheren Kontrast gegen alles, was ich bis dahin kennengelernt, kann man sich nicht denken! Ohne alle Zärtlichkeit, ohne sich auch nur im allergeringsten bei den Einleitungen aufzuhalten, warf er dem Mädchen die Röcke in die Höhe, wühlte mit der einen Hand in ihrer Brust, mit der anderen an dem Gegenstande seiner rohen Begierde, stürzte dann über sie hin und machte alles, was ich bei meinem Vater in höchster Zartheit und Süßigkeit gesehen hatte, so plump, daß ich mich immer abwenden wollte und noch nicht begreife, daß ich es nicht getan. Das Widerwärtigste aber waren die Ausdrücke, welche beide dabei gebrauchten. Alles wurde mit Namen genannt, die ich bis dahin nicht gekannt. Zuerst er, dann als die Krisis sich bei ihr näherte, in den gemeinsten Worten auch sie; bis endlich die Ermattung eintrat und wenigstens die ekelhaften Worte aufhörten. Ich war wie in einem Banne gewesen, hatte unverrückt die Augen auf den unbeschreiblich häßlichen Vorgang richten müssen und fühlte mich wahrhaft erleichtert, als er aufhörte. Das Knarren des Schemels fürchtend, stieg ich noch nicht gleich herab und mußte nun hören, daß das Mädchen ihrerseits den Kutscher zu einer Wiederholung animierte, nicht allein mit Worten und zwar den abscheulichsten, sondern auch durch die unweiblichsten Gebärden. Er schien vollkommen genug zu haben und zeigte keine besondere Bereitwilligkeit, auf ihre Wünsche einzugehen, bis sie endlich ihren Willen durchsetzte und ihn zu einer Wiederholung zwang. Es dauerte diesmal sehr viel länger als das erste Mal und war noch widriger, da sie jeden Stoß mit Ausrufen begleitete, die zwar keinen Zweifel an ihrem Vergnügen ließen, aber auch die schamloseste Gemeinheit atmeten.

Ich war um eine häßliche Erfahrung reicher geworden und hatte eine Sache von ihrer nackten, unanständigen Seite kennengelernt, die meine Phantasie bis dahin nur mit dem höchsten poetischen Reize bekleidet hatte. Wie so ganz anders war diese Befriedigung des rohen Bedürfnisses, als die zärtliche, innige Vereinigung zweier gebildeter Menschen! Was blieb an der Sache, wenn man ihr die Zartheit, Scheu und Seelenhaftigkeit nahm? Von Liebe oder auch nur von Neigung konnte doch zwischen diesen beiden Wesen nicht die Rede sein. Er war erst seit 14 Tagen im Hause, und was der Zufall mich sehen ließ, war gewiß nicht das erste Mal gewesen. Wahrscheinlich hatte sie dem Neuangekommenen nur die Rechte seines Vorgängers eingeräumt und fand darin gar nichts Besonderes. Aber wie machte sie es nur, daß sie den Folgen eines solchen Umganges entging? Denn schwerlich war der Kutscher der einzige, der sich ihres Schmutzes erfreuen durfte. Ihre Ausrufe bewiesen wenigstens, daß sie eben alles und bis zum letzten Tropfen in sich aufnahm und keinen Begriff von Inachtnehmen oder irgendeiner Vorsichtsmaßregel hatte. Das gab mir viel, aber nicht angenehm zu denken. Freilich konnte es einer Viehmagd ziemlich gleichgültig sein, ob ihr Ruf litt, oder ob sie einem jener unglücklichen Geschöpfe das Leben gab, die bestimmt zu sein scheinen, den Fehltritt der Eltern abzubüßen. Kurz, ich hatte auch erfahren, welchen Vorzug geistige Bildung, Sitte und Ideal vor der großen Masse der Menschen zu verleihen vermag. Es ist auch keineswegs der körperliche Genuß, der physische Nervenreiz allein, welcher die innigste Vereinigung der Geschlechter zu einem Abglanz überirdischer Seligkeit macht. Nein, es ist die geistige Erregung, das Anspannen aller Seelenkräfte, das Hingeben des Verstandes an das Gefühl gleichzeitig mit zauberhaft unerklärlicher Wonne, die jede Faser des menschlichen Körpers über ihre nur irdische Tätigkeit hinaushebt. Damals konnte ich mir davon keine Rechenschaft geben. Ich fühlte nur die ganze Widerwärtigkeit roher, plumper und durch Gemeinheit entweihter Sinnlichkeit, ohne zu wissen, daß auch hier der Adel in der Art und Weise liegt, wie der Genießende die Sache behandelt. Hätte ich dieses Paar eher gesehen, als jene unbeschreiblich genußreiche Szene zwischen meinem Vater und meiner Mutter, so wären meine Neigungen und durch sie meine Erfahrungen wahrscheinlich ganz andere geworden. Deutlich erkannte ich, daß wir ein Spielball des Zufalls, unsere Tugenden und Laster Folgen der Eindrücke sind, die wir empfangen. Ohne die Bekanntschaft Margueritens würde ich wahrscheinlich sehr bald geheiratet haben, ohne jenen Zufall im Alkoven gewiß als ein vollkommen unschuldiges Mädchen in die Ehe getreten sein. – Diese Überzeugung, daß wir nur zu sehr von äußeren Eindrücken abhängen, deren Herbeiführung oder Vermeidung nicht in unserer Gewalt liegen, hat mich stets sehr nachsichtig und milde gegen andere gemacht. Was auf den ersten Anblick verwerflich scheint, ist es oft nicht, wenn man sich die Mühe gibt, die Umstände zu erforschen, unter denen es geschah.

Die erste Zeit meines Aufenthaltes in Wien war ziemlich freudlos. Wir hatten fast gar keine Bekanntschaft und ich besuchte mit großem Fleiße die Gesangstunden meines vortrefflichen Lehrers. Nur der Besuch des Theaters, wenn Opern gegeben wurden, war eine angenehme Unterbrechung in unserem eintönigen Leben. Oft genug hätten sich Gelegenheiten zu Bekanntschaften geboten, und da ich eben in jener schönsten Blüte des Mädchens stand, die man sich richtig: la beauté du diable nennt, so fehlte es auch mir nicht an jungen Männern, die mir die Cour machen wollten. Mein kleiner Verstand hatte sich aber alles zurecht gelegt. Erst wollte ich eine bewunderte Künstlerin werden, – dann wollte ich genießen! – Nichts sollte mich stören in meinen Studien und sie hemmen. Ich wies daher alle Bewerbungen so spröde ab, daß man mich bald meinen eigenen Weg gehen ließ, so daß meine alte Verwandte entzückt über meine Sittsamkeit und Tugend war. Freilich hatte sie keine Ahnung von meinen heimlichen Freuden, die ich indessen, ebenfalls aus Berechnung, nur sehr mäßig genoß.

Nun komme ich zu einem Teile meiner Geständnisse, der mir schwerer wird, als alles bisher Gesagte. Ich habe mir aber einmal vorgenommen, ganz aufrichtig gegen Sie zu sein, und so möge denn auch das gesagt werden. Ich habe vergessen, Ihnen zu erzählen, daß Marguerite mir das Buch geschenkt, in welchem sie an jenem Abend gelesen, als ich sie zuerst belauschte. Es war das ebenso reizend als wollüstig geschriebene Werk: Félicia ou mes fredaines mit vielen kolorierten Kupfern, die mich vollständig belehrt haben würden, was der Mittelpunkt des ganzen menschlichen Lebens ist, wenn ich nicht schon darüber belehrt gewesen wäre. Seine Lektüre machte mir ein unaussprechliches Vergnügen. Aber ich erlaubte sie mir nur alle acht Tage einmal, und zwar am Sonnabende, wo ich jedesmal ein warmes Bad nahm. Dabei durfte mich die Tante nicht stören, das Badezimmer war abgelegen und hatte nur eine Türe, die ich zum Überflusse noch mit einer Decke verhängte. Nirgends eine Ritze, durch welche ich hätte belauscht werden können! So war ich ganz sicher.

Während des Bades las ich in jenem Buche und fühlte an mir dieselben Wirkungen, die ich bei Margueriten beobachtet hatte. Wer könnte aber auch diese glühende Schilderung lesen, ohne selbst dabei in Feuer und Flammen zu geraten? Hatte ich mich dann abgetrocknet und einige Zeit in einem leichten Peignoir geruht, dann begann mein damaliges Paradies. Der große Stehspiegel wurde so gestellt, daß ich mich ganz darin sehen konnte. Mit dem Beschauen meines Körpers in allen Lagen begann mein verschwiegenes Vergnügen. Ich drückte und preßte meine runden, jungen Brüste, spielte an den Knospen derselben und führte dann den Finger an den Urquell aller weiblichen Seligkeit.

Seit meiner ersten Bekanntschaft mit Marguerite hatte meine Sinnlichkeit rasch Fortschritte gemacht und namentlich hatte sich bei mir eine überaus reichliche Entladung jenes süß-berauschenden Balsams eingestellt, der im Augenblicke der höchsten Entzückung aus den innersten Falten des weiblichen Körpers hervorbricht. Die Männer, mit denen ich mich später dem Genuß der Liebe überlassen, waren alle entzückt über die besonders glückliche Eigenschaft und konnten nicht genug ihre Empfindungen schildern, wenn mein Erguß sie überströmte. Damals glaubte ich natürlich, es sei bei allen Frauen so, aber es ist in der Tat eine seltene Begabung, wie ich mich später überzeugte. Geriet doch während meines Aufenthaltes in Paris einer meiner liebenswürdigen Verehrer so außer sich darüber, als er den heißen Strom über sich hinrieseln fühlte, daß er das erste Mal fast die Besinnung darüber verlor, dann aber jedesmal, wenn ich ihm die höchste Gunst gewährte, im Augenblicke meiner Entladung seinen Speer aus der Wunde zog, blitzschnell mit dem Munde meine Quelle bedeckte und den hervorschießenden Lebenssaft bis auf den letzten Tropfen aufsaugte, dann aber mit um so größerer Kraft wieder in mich eindrang und nun seinerseits entlud, aber freilich mit jener Vorsichtsmaßregel, die Marguerite bei ihrem jungen Russen kennengelernt. Hat doch diese Phantasie meines Pariser Freundes mich zu dem Versuche gebracht, ebenfalls jenen wunderbaren Strahl in meinem Mund aufzunehmen, der mit elektrischer Kraft im Moment höchster Wollust aus dem Baume des Lebens hervorschießt. Das gehört aber zu meinen späteren Bekenntnissen und ich kehre daher zu meinen Wiener Sonnabenden zurück. – Es machte mir ein außerordentliches Vergnügen, im Spiegel dem lüsternen Spiele der Hand zu folgen. Der Mittelpunkt des Sinnenreizes lag jedem Angriff offen dar, denn ich hatte die Schenkel so weit als möglich auseinander gespreizt. Geschäftig spielte, rieb und kitzelte ich, drang dann tiefer mit dem Finger ein und fühlte, wie brünstig mein Inneres dem Wohltäter entgegenkam. Lassen sich denn diese himmlischen Gefühle beschreiben? Wie das Blut durch die Adern jagt, wie jeder Nerv bebt, der Atem stockt und endlich der befruchtende, heiße und doch lindernde Lebenstau hervorbricht, um die glühenden Lippen des Liebesmundes zu befeuchten und zu kühlen! Im Niederschreiben entzückt mich die Erinnerung an jene glücklichen Stunden in Wien noch so sehr, daß meine linke Hand unwillkürlich den Weg dahin sucht, wo diese Erinnerungen den lebendigsten Eindruck gemacht. Aus meiner schlecht werdenden Schrift werden Sie sehen, daß mich das Gefühl übermannt. Mein ganzer Körper zittert vor Sehnsucht und Vergnügen. Weg mit der Feder! und – –

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