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Aus den Memoiren einer Sängerin

Memoiren einer Sängerin 8

Erotischer Roman (Kapitel VIII)


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Wilhelmine Schröder-Devrient, Aus den Memoiren einer Saengerin, Verlagsbureau, Altona, tome I, 1862 ; tome II, 1870.


VIII

Nach dem wir auf diese Weise durch einen langen und erquickenden Schlummer uns von den Anstrengungen der verflossenen Nacht glücklich erholt hatten, frühstückten wir, Rudolphine und ich, gemeinschaftlich, und dann mußte Rudolphine mir beichten, das heißt mir die Geschichte ihres Verhältnisses mit dem Fürsten mit all ihren Einzelheiten erzählen.

Die Geschichte war zuletzt nichts weiter als die Geschichte eines jeden für sinnliche Genüsse nicht weniger als unempfindlichen und dabei von ihrem eigenen Manne vernachlässigten Weibes. Der Fürst hatte mit seinem durch Weltkenntnis geschärften Blicke das Geheimnis von Rudolphinens Ehe durchschaut, ihre für sinnliche Genüsse so empfängliche Natur konnte ihm gleichfalls nicht verborgen bleiben.

Unter diesen Umständen hatte er ihr sich in zwar vorsichtiger, doch immerhin nicht zu mißdeutender Weise – der Fürst, eine glühende, leidenschaftliche Sinnlichkeit unter kalter Außenseite verbergend, vermied es sorgfältig, sich zu kompromittieren – genähert und dabei in geschickter Weise die Flatterhaftigkeit ihres eigenen Gatten als vollgültigen Entschuldigungsgrund für eine etwaige Untreue bei Rudolphinen geltend gemacht.

Rudolphine hatte gewährt, hingerissen durch ein feuriges Temperament und begierig, für die Kälte ihres eigenen Gatten in dieser Weise Rache und Entschädigung zu suchen, überhaupt ist der Wunsch nach Rache eines der vorzüglichsten, wenn auch selten eingestandenen Motive, welche eine verheiratete Frau zum Ehebruche treiben.

Rudolphine gestand mir übrigens einmal, daß sie den Fürsten nicht liebe, – gleichwohl war sie, wie ich später zu entdecken Gelegenheit fand, eifersüchtig, wenn auch nicht auf seine Zuneigung, doch wenigstens auf seine Gunstbezeugungen – und zweitens, daß der Fürst der einzige Mann sei, dem sie, ihren Gatten ausgenommen, je sich hingegeben.

Ich glaube ihr; Rudolphine hatte die Eifersucht ihres Gatten und ihren eigenen, in jeder Beziehung noch unbefleckten gesellschaftlichen Ruf zu schonen, und beide Rücksichten legten ihr in der Wahl ihres Umganges eine große Vorsicht auf. Ihr Gatte würde, wenn auch nicht aus Zuneigung für seine Frau – seine Liebe war wohl so ziemlich auf dem Gefrierpunkt angelangt – aus Stolz gewiß ein Benehmen, welches ihn selbst der Lächerlichkeit hätte preisgeben können, seitens seiner Frau nicht ungeahndet gelassen haben.

Unter diesen Umständen zweifle ich auch nicht, daß der Fürst wirklich der einzige Mann war, zwischen welchem und ihrem Gatten Rudolphine je ihre Gunstbezeugungen geteilt, glaube mich hinwiederum aber auch nicht zu täuschen, wenn ich annehme, daß sie auch vor ihrer Bekanntschaft mit dem Fürsten die leichte Beute jeder versuchten Eroberung gewesen sein würde, falls ihr nur die größte Kupplerin der Welt, die Gelegenheit, zu Hilfe gekommen wäre.

Obgleich also Rudolphinens Erzählung nicht gerade bemerkenswerte Dinge darbot, so lauschte ich doch ihren Bekenntnissen mit größtem Vergnügen. Überhaupt haben mich derartige vertrauliche Herzensergüsse meines eigenen Geschlechts stets sehr interessiert, und ich habe nie Gelegenheit, dieselben durch List oder Überraschung hervorzulocken, falls meine Freundinnen nicht freiwillig geneigt waren, mir ihr Herz zu eröffnen und mich in die Geheimnisse ihrer Denk- und Empfindungsweise einzuweihen, vorübergehen lassen.

Solche vertrauliche Mitteilungen interessierten mich psychologisch, sie erweiterten meine Welt- und Menschenkenntnis, indem sie mir oft das Leben unter einem ganz neuen Gesichtspunkte zeigten, und in der Regel meinen bereits wiederholt ausgesprochenen Satz: »Unsere Gesellschaft ist basiert auf den Schein, und gibt eine doppelte Sittlichkeit, eine Sittlichkeit vor der Welt, eine andere unter vier Augen«, bestätigten.

In der Tat, welche Erfahrung hatte ich, trotz meiner Jugend, in dieser Hinsicht schon gemacht! Erstens mein ernster, würdiger Vater, meine keusche Mutter; in welchem Moment glühenden Sinnenrausches, in welchem Augenblicke höchster Wollust hatte ich sie belauscht! Darauf Marguerite, die zwar lebhafte, heitere, aber auch ewig von Anstand und Sittlichkeit schwatzende, ewig moralisierende Gouvernante meiner kleinen Cousine; welche Bekenntnisse hatte sie meinem jugendlichen Ohre vertraut, und hatte ich außerdem nicht mit eigenen Augen gesehen, in welcher Weise sie sich wenigstens ein Surrogat jener Genüsse verschaffte, nach denen sie lechzte! Und dann meine Tante, das Muster einer alten prüden Jungfrau! Und nun Rudolphine, diese elegante junge Frau, die sich aus keinem anderen Grunde einem Manne hingab, der nicht der ihrige war, als um Freude zu genießen, welche ihr zu spärlich für ihren Geschmack zukam! Und nun der Fürst, diese äußerlich so diplomatisch kalte, so durch und durch geschulte Natur, welche Kraft der Sinnlichkeit lebte in ihm! Und hatten diese Persönlichkeiten nicht alle in ihren Kreisen den Ruf größter Sittenstrenge zu behaupten gewußt? Ja, ich hatte wohl Recht: »Die Welt ist auf den Schein basiert.«

Nun, da ich meinen Zweck erreicht, und mich zu Rudolphinens und des Fürsten Vertrauten gemacht, hielt ich es auch für unnötig, meine bisher beobachtete Prüderie beizubehalten, und gestand Rudolphine offen, wenn auch nicht klüglich ohne ein erkünsteltes Erröten, daß mir das Spiel der vergangenen Nacht und die Umarmung des Fürsten viel Vergnügen gemacht, für welches Geständnis Rudolphine mich zärtlich umarmte und an sich drückte. In diesem Augenblick war sie noch ganz entzückt darüber, mir in den Mysterien der Liebe als Lehrmeisterin gedient und mir einen Genuß verschafft zu haben, wie den, den ich zwar in Wirklichkeit weniger ihr selbst, als vielmehr meiner eigenen Schlauheit verdankte.

Am Abend ließ der Fürst nicht auf sich warten und teilte seine Liebkosungen ziemlich gleichmäßig zwischen Rudolphine und mir. Meine Eitelkeit flüsterte mir zu, daß es dem Fürsten, trotz dieser anscheinenden Unparteilichkeit, mehr um mich, als um Rudolphine zu tun sei, wäre es auch nur gewesen, weil Rudolphine ihm eine gewohnte Erscheinung war, während ich für ihn den Reiz der Neuheit besitzen mußte, und Abwechslung, dies brauche ich Ihnen nicht zu sagen, ist die Würze des Vergnügens und dies zwar ebenso bei den Männern, wie bei den Frauen. Meine Revanche nahm ich übrigens auch diesmal noch nicht. Wieder zwang Rudolphine den Fürsten, ihr die Erstlinge seiner Kraft zu opfern, obgleich ich letzterem die Gerechtigkeit widerfahren lassen muß, zu gestehen, daß er mich für diesen Verlust nach besten Kräften zu entschädigen bemüht war. Aber warum soll ich Ihnen diese Nacht in allen Einzelheiten beschreiben, ich müßte einfach zu Wiederholungen meine Zuflucht nehmen, und dies wäre für Sie und für mich ermüdend, ganz abgesehen davon, daß Ihre eigene Phantasie, in Verbindung mit meinen bisherigen Bekenntnissen, Sie schon hinreichend in den Stand setzen wird, sich die Szenen selbst auszumalen.

Unleugbar hat die erste Liebe eines unerfahrenen Jünglings, dessen Lehrerin sie abgeben, den sie allmählich, Schritt für Schritt, in die süßen Geheimnisse des Vergnügens bis zu dessen vollständigster Erschöpfung einweihen kann, für jedes Weib einen unendlichen Reiz. Dieser Charakter der Autorität, den das Weib in einem solchen Falle dem Manne gegenüber behauptet, schmeichelt seiner Eitelkeit, und außerdem liegt in den naiven, wenn auch oft ungeschickten Liebkosungen eines unerfahrenen Mannes für jedes Weib ein unbeschreiblicher Zauber. Die höchste sinnliche Befriedigung aber empfindet ein Weib nur in den Armen eines erfahrenen, mit allen Geheimnissen der Wollust und allen Mitteln, dieselbe aufs höchste zu steigern, vertrauten Mannes. Der Fürst war ein solcher, und wenn Sie dabei bedenken, daß er, trotz der Kraft seiner physischen Natur, eine gewisse Delikatesse nicht verleugnete, das Weib, welches sich ihm hingab, nie brutalisierte, stets mehr auf ihr Vergnügen, als auf das seinige bedacht zu sein schien, und eben darum doppelt genoß, so werden Sie wenigstens eine Ahnung jenes wollüstigen Vergnügens gewinnen, welches er Rudolphinen und mir in jenen verschwiegenen Nächten bereitete.

Am nächsten Sonntag kam Rudolphinens Mann, wie gewöhnlich, zu Besuch. Auf ihres Gatten ausdrücklichen Wunsch lud Rudolphine den Fürsten an diesem Tage zum Mittagessen ein. So oft ich den Fürsten auch früher in Wien im Hause von Rudolphinens Mann gesehen, so pflegte derselbe in Baden Rudolphinens Haus, um ja keinen Verdacht zu erregen, nur äußerst selten am Tage zu betreten. Auch ich hatte ihn seit jener Zeit, die mich in sein und Rudolphinens Geheimnis eingeweiht hatte, nur in der Nacht gesehen, wo er, da die Dinge zwischen uns nun einmal so weit gediehen, in diesem Fall sich natürlich keinen Zwang aufzuerlegen hatte, sondern sich vollkommen gehen lassen konnte.

Trotz meiner eigenen Selbstbeherrschung, auf die ich wohl einigermaßen bauen konnte, sah ich, ich gestehe es, den Fürsten nicht ohne Herzklopfen Rudolphinens Einladung Folge gebend, in den Speisesaal treten, und ich glaube selbst, daß bei seinem Anblicke eine verräterische Röte wider Willen meine Stirn überflog. Aber das Benehmen des Fürsten beruhigte mich schnell genug und half mir bald vollkommen über meine eigene Verlegenheit hinweg.

Der Fürst begrüßte Rudolphinen mit jener feinen Galanterie, zu welcher seine Beziehungen zu ihrem Gatten ihn berechtigen zu schienen, mich selbst zeremoniell und förmlich. Bei Tische wurde er, nachdem er die ersten Gläser Wein glücklich geleert, etwas wärmer, ohne jedoch seine ihm zur zweiten Natur gewordene Zurückhaltung aufzugeben. Kein Mensch, der uns bei Tische gesehen, hätte auch nur im entferntesten die innigen Beziehungen ahnen können, welche zwischen uns stattfanden. Das Benehmen des Fürsten war ausgesucht höflich, aber nichts weiter, und von einer aristokratischen Kälte. Überhaupt war der Fürst eine in seiner Weise wirklich hervorragende Erscheinung. Im Besitze einer bedeutenden Welt- und Lebenskenntnis, verlor er nie die Herrschaft über sich selbst. Nichts setzte ihn in Verlegenheit, und es war schlechterdings unmöglich, in seinem ruhigen, impassablen Gesicht seine Gedanken zu lesen. Kavalier vom Scheitel bis zur Zehe, war er in seinem äußeren Benehmen verbindlich, aber reserviert, und seine hervorragendste Eigenschaft war vor allem eine große Diskretion. Er hatte viele Erfolge bei den Frauen errungen, er war auf das Genaueste mit allen Schwächen des menschlichen Herzens vertraut, sprach zuweilen von seinen Eroberungen, aber nie nannte er einen Namen. Der kalte Egoismus, der den Grundzug seines Charakters bildete, ließ ihn rücksichtslos jede Verbindung aufgeben, sobald ihm dieselbe lästig wurde, aber nie hatte ein Weib, das sich ihm hingegeben, über einen Verrat ihres Vertrauens sich zu beklagen; er konnte selbstsüchtig das Herz eines Weibes brechen, aber er schonte dessen Ehre. Unempfindlich gegen die Liebe und infolgedessen ohne Anspruch auf eine Zärtlichkeit, deren er selbst nicht fähig war, suchte der Fürst nichts als Genuß, und gerade die Verbindung mit einem solchen Manne mußte mir, die ich gleichfalls nach gewissen Genüssen lechzte, ohne jedoch dabei Lust zu haben, mein Herz zu verschenken, von meinem Gesichtspunkte aus doppelt willkommen sein.

Den Kaffee nahmen wir im Garten ein; der Fürst bot Rudolphine den Arm, ihr Gemahl mir den seinigen. Während Rudolphinens Gemahl sich mit dem Fürsten zur Rücksprache über eine Geschäftsoperation einen Augenblick entfernte, drückte mir Rudolphine ihr Bedauern darüber aus, daß die Ankunft ihres Mannes sie und mich unseres nächtlichen Vergnügens beraube.

Allein wenn es Rudolphinens Absicht war, mich heute nacht zur Enthaltsamkeit zu verurteilen, so stimmte dies doch mit meinen eigenen Plänen keineswegs überein. Schon bei der Ankunft von Rudolphinens Gatten war ich entschlossen, den Fürsten diese Nacht für mich allein zu behalten, und war nur in Verlegenheit über die Art und Weise, wie ich ihn benachrichtigen sollte, daß, wenn Rudolphine diese Nacht auf seinen Besuch verzichten müsse, ich darum um so fester auf denselben rechne. Aber der Fürst flüsterte mir zu, daß ich ihn, trotz der Anwesenheit von Rudolphinens Mann, erwarten dürfe, falls ich ihm nur den Schlüssel zu meinem Schlafzimmer zustellen wolle. Eine halbe Stunde später war der Schlüssel in seinen Händen.

Der Fürst ließ nicht lange auf sich warten; kurz nach Mitternacht trat er in mein Zimmer – und ich verlebte in seinen Armen entzückende Stunden. Er versicherte mir, daß er mir in allen Beziehungen vor Rudolphine den Vorzug gebe und die Glut seiner Küsse und die energische Kraft seiner Liebkosungen zeigte mir zur Genüge, daß er bei dieser Versicherung nicht bloß die Absicht gehabt, meiner weiblichen Eitelkeit zu schmeicheln. Der Fürst zeigte sich in dieser Nacht so aufgeregt, er war so unersättlich in seinen Liebkosungen, daß er mich trotz alles Vergnügens, welches er mir verschaffte, doch zuletzt dermaßen ermüdete, daß ich gleich, nachdem er mich verlassen, in einen tiefen Schlummer versank und nicht früher erwachte, bis Rudolphine selbst mich weckte.

Mein erster Blick auf meinen Toilettentisch zeigte mir die Uhr des Fürsten, die derselbe dort vergessen hatte. Auch Rudolphine hatte sie bemerkt und dieser Anblick verriet ihr zur Genüge, in welcher Gesellschaft ich die Nacht verbracht und erklärte ihr zugleich das Geheimnis meines tiefen Schlummers. Sie machte mir heftige Vorwürfe über meine Unvorsichtigkeit, die sie in den Augen ihres Mannes so leicht zu kompromittieren vermöge. Ich erklärte ihr jedoch ruhig, daß ich nicht begreife, wie ich sie zu kompromittieren vermöge, da ihr Mann, der mir ja selbst seine Huldigung dargebracht, doch kein Recht habe, mich zu tadeln, wenn ich für meine Person dem Fürsten Zutritt zu mir gewähre. Aber meine Vernunftgründe taten bei Rudolphinen nicht die gewünschte Wirkung und beseitigten keineswegs ihren Unwillen, der weniger aus der Furcht, durch mich kompromittiert zu werden, entsprang, als vielmehr seinen Grund in ihrer Eifersucht hatte. Sie beneidete mich um die feurigen Liebkosungen, für welche ihre begehrliche Natur in der kalten Umarmung ihres Gatten keinen genügenden Ersatz fand.

Wie sehr ich mit meiner Vermutung Recht hatte, zeigte sich am folgenden Abend, wo wir hinwiederum zu dreien genossen. Rudolphine bot alles auf, um mich auszustechen, den Vorrang über mich zu behaupten und den Fürsten womöglich für sich allein in Beschlag zu nehmen. Ich nahm und fand meine Revanche, als bei Rudolphinen jener periodisch wiederkehrende Zustand eintrat, der schon nach jüdischem Gesetz jeden Umgang mit einem Manne untersagt haben würde. Der Fürst widmete sich mir ausschließlich, und zwar in Rudolphinens Gegenwart und dieser Umstand fachte ihre Eifersucht rasch genug zur Flamme an.

Wenn sie den Fürsten auch nicht liebte, so verwundete doch der augenblickliche Vorzug, den mir derselbe angedeihen ließ, ihre Eitelkeit. Unter diesen Umständen konnte es mich allerdings nicht überraschen, daß Rudolphine in ihrem Benehmen allmählich kälter gegen mich wurde und endlich eröffnete sie mir, daß häusliche Verhältnisse sie nötigten, Baden früher zu verlassen, als sie beabsichtigt. Durch diese Erklärung machte sie zwar meiner Liaison mit dem Fürsten ein Ende, beraubte sich jedoch gleichzeitig seines Umganges, da sie den Fürsten in ihrem Hause in Wien zu empfangen nicht wagen konnte. So wahr ist es, daß die Eifersucht, eine Rivalin auszustechen, sich gern und freudig selbst einer Entbehrung unterwirft.

Zwischen Frauen der sogenannten guten Gesellschaft findet bei solch delikaten Dingen, wie denen, welche zwischen mir und Rudolphine vorlagen, keine Erklärung statt und auch zwischen mir und Rudolphine kam es nicht zu einer solchen. Nichtsdestoweniger ließ ich Rudolphine merken, daß ich den Grund ihres geänderten Benehmens in ihrer Eifersucht finde und diese Hindeutung trug nicht gerade dazu bei, ihre freundschaftlichen Gefühle für mich neu zu beleben und wir, die wir so lange fast unzertrennlich gewesen, trennten uns zuletzt mit einer nur schlecht verhehlten eisigen Kälte. Aber ist dies bei zwischen Frauen und Mädchen geschlossenen Bündnissen nicht immer der Fall? Weibliche Freundschaft, so innig, so aufopfernd sie auch sein mag, widersteht selten dem ersten Frosthauche der Eifersucht!

Ich kehrte also mit Rudolphinen nach Wien zurück und da ich dort ihr Haus nur selten besuchte, so hatte ich auch nur selten Gelegenheit, den Fürsten zu sehen. Zwar hatte derselbe sich mir zu nähern gesucht, bat mich auch, ihm Zutritt zu mir zu gestatten, allein dies mußte ich ihm abschlagen. Ich war doch zu ängstlich auf meinen Ruf bedacht, als daß ich Lust gehabt hätte, mich in dieser Weise zu kompromittieren, ganz abgesehen davon, daß es mir, selbst wenn ich es hätte wagen wollen, unmöglich gewesen sein würde, ihm ein Rendezvous, wie er es wünschte, zu bewilligen. Im Hause hatte ich an meiner Tante eine sehr strenge Keuschheitswächterin, und selbst wenn diese zu düpieren, so ist doch eine Künstlerin, die durch ihr Auftreten zu einem quasi öffentlichen Charakter wird, zu sehr der Beobachtung von tausend Augen ausgesetzt, als daß nicht die leiseste Unvorsichtigkeit ihren Ruf auf immer ruinieren sollte. Wenn man einer Bühnenkünstlerin auf der einen Seite eine gewisse Freiheit des Benehmens verzeiht, so bilden auf der anderen Seite die tausend Augen des Publikums eine fast undurchdringliche Schutzwehr für die Tugend, so daß es einem Weibe in solcher Stellung unendlich schwerer fällt, im Geheimen gewisse Freuden zu genießen, als jemand anderem.

So löste meine Verbindung mit dem Fürsten sich auf. Noch heute denke ich mit Vergnügen an den schönen und geistreichen Mann zurück, der mich zuerst nicht die Liebe, sondern die Wollust lehrte, welche ein Weib in der Umarmung eines Mannes empfindet.

Brauche ich Ihnen, so wie Sie mich kennen, erst zu sagen, daß mir der durch Rudolphine herbeigeführte Bruch meiner Liaison mit dem Fürsten ein aufrichtiges Bedauern einflößte? Fortan war ich ja, da für den Fürsten ein Ersatz sich nicht so leicht finden ließ, in Bezug auf gewisse Freuden wieder auf das so unvollkommene Werk meiner eigenen Hand hingewiesen.

Sie kennen das Bühnenleben gut genug, um zu wissen, daß es mir weder an Huldigungen, noch an Herrenbekanntschaften fehlen konnte. Kein Weib befindet sich, wenn es sich um die Gelegenheit, Eroberungen zu machen, handelt, in günstigerer Position, als gerade die Bühnenkünstlerin, die ihre Schönheit, ihr Talent von der Bühne herab vor den Augen von Tausenden entfaltet, während ein anderes Weib meist mir Gelegenheit findet, sich innerhalb eines zuweilen sehr eng begrenzten Familienkreises geltend zu machen. Außerdem ist eine Bühnenkünstlerin ein öffentlicher Charakter, eine Celebrität und die Eitelkeit der Männer findet eine Befriedigung darin, mit einer Celebrität auf vertrautem Fuße zu stehen, damit vom Glänze ihres Ruhmes wenigstens ein Reflex auf sie zurückfalle. Kein Wunder daher, wenn jede bekannte Künstlerin sich von Männern mit altadeligem Wappen und Matadoren der Börse bis zu dem jüngsten Lyriker herab, der ihr schüchtern die Erstlinge seiner Muse zu Füßen legt, von Anbetern aller Stände, aller Klassen umringt sieht, die alle nach einem Blick, nach einer Gunstbezeugung dürsten. Aber wo sollte ich unter allen diesen Männern denjenigen finden, dessen ich bedurfte, der bereit war, meine Wünsche zu befriedigen, der, ohne sich eine Herrschaft über mich anzumaßen, vielmehr insoweit mein Sklave blieb, daß ich jeden Augenblick meine Beziehungen zu ihm lösen konnte, ohne seinerseits eine Indiskretion fürchten zu müssen. Zu einer solchen Entdeckung aber konnte nur der Zufall mich führen, und der Zufall war mir vorerst ungünstig. Auf Grund meines Debüts war ich am Kärntner Thor-Theater auf ein Jahr engagiert. Mein Kontrakt lief zu Ende und als es sich um Erneuerung desselben handelte, machte man mir gleichzeitig von Pest und Frankfurt aus Offerten. Ich liebe, als geborene Österreicherin, Wien, die schöne, glänzende Kaiserstadt und würde es wahrscheinlich vorgezogen haben, daselbst, wenn auch mit geringer Gage, zu verbleiben, wenn ich nicht um diese Zeit einen Brief meines Vaters empfangen hätte, der mich von einem bedeutenden Vermögensverluste unterrichtete, den er erlitten. Seit einem Jahre bedurfte ich zwar der Unterstützung meines Vaters nicht mehr, allein mein Herz trieb mich an, ihm durch die Tat zu danken für die bedeutenden Opfer, welche er meiner Ausbildung gebracht und ihm meinerseits die schweren Sorgen, in welche sein Verlust ihn momentan versetzte, nach Kräften zu erleichtern und dieser Umstand ließ mich die mir von Frankfurt aus gemachte Offerte, als die pekuniär vorteilhafteste, akzeptieren und somit sage ich Wien auf Jahre Lebewohl.

Von Rudolphine verabschiedete ich mich in einem kurzen Besuche, so vollkommen hatte die Zeit und ihre Eifersucht unsere früher so innige Freundschaft ertötet.

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